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Die Arbeit der Frauen
Die in New York lebende Agypterin Ghada Amer (Jahrgang 1963) ist die sechste Künstlerin der Kasseler Ausstellung „Echolot“, die wir mit ihrer Arbeit vorstellen.
Ein Gemälde entsteht durch das Auftragen von Farbe. Selbst dann, wenn die Komposition aus vielen Schichten besteht, nimmt man das Bild, wenn es fertig ist, als Ganzes wahr und nicht als ein handwerkliches Produkt, das aus einer Reihe von Arbeitsgängen hervorgegangen ist. Ganz anders verhält es sich, wenn ein Bild gewebt oder gestickt ist. Dann bleibt der Blick an der Machart hängen, gilt die Bewunderung der handwerklichen Leistung, die so etwas zustande brachte.
Es ist davon auszugehen, daß die Malerin Ghada Amer, die schon in jungen Jahren Ägypten verließ, sich gegen Pinsel und Farbe und für Nadel und Garn entschied, um einen neuen Zugang zur Malerei zu gewinnen.
Indem sie nämlich die traditionell von Frauen ausgeübte Stickerei nutzt, macht sie ihre weibliche Rolle bewußt und provoziert zugleich den Widerspruch, der diese Technik bestenfalls als Kunsthandwerk einstuft. Am deutlichsten wird das in ihrer Bildserie „Fünf Frauen bei der Arbeit“, in der die Technik und fast naive Darstellung die klischeehaften Vorstellungen von weiblicher Kunst gleich doppelt zu erfüllen scheinen.
Das Zentrum ihres Beitrages zur Kasseler Ausstellung „Echolot“ im Museum Fridericianum bilden aber jene Arbeiten, in denen die Ägypterin ihre Position radikalisiert und die Erwartungen karikiert. Da zeigt sie Bilder, die aus der Entfernung abstrakt und konstruktiv wirken. Bei näherer Betrachtung erkennt man unter
locker gezogenen und lose heraushängenden Fäden ganze Reihen von Frauenfiguren in eindeutig erotischen bis pornographischen Positionen (aus Männermagazinen übernommen). Die anscheinend brave Stickerei läßt ein feines Gespinst aus Fallstricken entstehen, in denen sich der Betrachter verfängt.
Aber diese Technik hat nicht nur einen inhaltlichen Aspekt (das Verborgene als das Geheime), sondern sie verweist auch ins Formale und Kunstgeschichtliche. Mit den locker hängenden Fäden nimmt sie den Gestus des abstrakten Expressionismus auf, der die Farbe herunterlaufen und -tropfen ließ. So bringt Ghada Arner Kunst und Tradition vielfach gebrochen zusammen.
HNA 20. 5. 1998
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