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Mit den Bündeln durch die Welt
Die Koreanerin Soo-Ja Kirn (Jahrgang 1957) stellen wir als siebente Künstlerin der Kasseler Ausstellung „Echolot“ vor.
Die meisten Künstlerinnen, die an der Ausstellung „Echolot“ im Kasseler Museum Fridericianum teilnehmen, sind Nomadinnen. Aus politischen, gesellschaftlichen oder künstlerischen Gründen haben sie ihr Land verlassen und neue Orte aufgesucht. Aber auch die, die in ihrer Heimat bleiben konnten, nomadisieren durch die Welt, um hier und dort Eingriffe vorzunehmen und sich an Ausstellungsprojekten zu beteiligen. So leben die Künstlerinnen in privilegierter oder übertragener Art das Schicksal aus, das Millionen Menschen erleiden müssen: Flucht, Heimatverlust und Ortlosigkeit.
Der Koreanerin Soo-Ja Kirn gelingt es, das Wesen dieses Nomadentums in eindringlichen und einfachen Raumbildern zu umreißen: Da liegen auf dem Boden verstreut dicke bunte Bündel („bottari“), die das an Kleidungsstücken enthalten mögen, was ein Mensch mitnimmt, wenn er die Heimat verlassen will oder muß. Die Künstlerin, die als Malerin begonnen hat, vollzieht das Nomadentum auch in ihrer ganzen künstlerischen Existenz nach: Immer dann, wenn sie zu einem Ausstellungsprojekt aufbricht, nimmt sie die bunten Tücher und Bündel mit auf die Reise, um stets neue Bilder daraus zu formen.
Die farbenfrohen Tücher werden in Kims Heimat als Bettdecken genutzt. Sie werden traditionell von den Frauen für den eigenen Hausstand genäht und von ihnen auch täglich ausgelegt und zusammengefaltet. So symbolisieren die Tücher das Private und Intime des koreanischen Alltags. Was wir als zwar schöne, aber rein dekorative Form betrachten, birgt in Wahrheit den Kern der Existenz. Das gilt auch für die kleine Arbeit, die das Bild einer verhüllten Frau entstehen läßt - obwohl nur Tücher über einen Ständer gelegt sind.
Das Faszinierende an der Arbeit von Soo-Ja Kim ist, daß sie im ersten Moment so leicht und spielerisch wirkt, daß sie aber die Gedanken unmittelbar in die Wirklichkeit zurückholt. Spätestens das in Istanbul aufgenommene Video, das das Leben in einer Straße dokumentiert, räumt die letzten Zweifel aus.
HNA 2. 6. 1998
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