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Die Ritualisierung der Malerei
Am Sonntag öffnet wieder das Kasseler Fridericianum. Vier Ausstellungen gibt es zum Auftakt, darunter eine große Werkschau des Schweizer Malers Helmut Federle.
Nach der documenta IX mit ihrem aufwühlenden Angriff auf die individuellen Befindlichkeiten der Besucher nun im Kasseler Museum Fridericianum der Rückgriff auf die schon klassischen Positionen der Moderne und insbesondere der Künstler, die vor über 20 Jahren als die neue Avantgarde auftraten. Kunsthallen- Direktor Veit Loers setzt zum Beginn des neuen Ausstellungsprogramms in der Kunsthalle bewußt einen Kontrapunkt zu Jan Hoet und seiner documenta. Im Zentrum steht dabei die Schau „Shapes and Positions“ (Formen und Positionen), über die an dieser Stelle noch zu einem späteren Zeitpunkt zu berichten ist; daneben werden Heidegger-Fotos von Digne M. Marcovicz und ein Objekt von Larry Bell gezeigt.
Der Ausstellung „Shapes and Positions“ hat Loers im ersten Stock eine Werkschau von Helmut Federle gegenübergestellt. Federle (Jahrgang 1944) ist ein abstrakter Maler, der bekannt wurde durch seine Gemälde, in denen er große Formen - gelegentlich ornamental – gegeneinarider setzt. Seine oftmals als monumental oder sogar gewalttätig empfundenen Bilder sind aber in Wahrheit stille, auf sich selbst bezogene Werke, die Antworten auf die Frage nach dem
Wesen der Malerei geben. Allerdings ist Federles Antwort dialektisch angelegt, denn in seiner Malerei verfolgt er gleichzeitig zwei Stränge: Einmal baut er feste, fast verschlossene Kompositionen in Schwarz-Weiß auf, in denen er sich und seinen Malgestus völlig zurücknimmt. Ganz systematisch geht Federle vor, trägt bis zu zehn Malschichten übereinander auf, um sich auf die Spannung zwischen den schwarzen und weißen Blöcken und Feldern zu konzentrieren. Indem der Künstler, wie er es sieht, die Malerei ritualisiert, tritt er hinter sie zurück und läßt die Sprache der gemalten Formen wirken.
Daneben entstehen Gemälde, die offen bleiben, dem Betrachter den Einblick in die Malweise, in den Gestus ermöglichen. Diese Bilder erscheinen weicher und poetischer, obwohl auch in ihnen massive Formen in Schwarz und Grüngelb aufeinanderstoßen. Dieses Nebeneinander verschafft dem Maler nicht nur einen großen Spielraum, sondern verhilft dem Werk auch zu einer großen Dynamik. Dabei ist Helmut Federle nicht auf das große Format angewiesen. In jüngster Zeit hat er ausschließlich kleine Bilder, zuweilen fast Miniaturen, geschaffen, in denen er seriell seine malerischen Überlegungen durchspielt. In diesen Arbeiten ist die Kraft der Malerei, die sich ihre Formen-Kontraste sucht, ebenso stark wie in den wandfüllenden Gemälden.
HNA 13. 2. 1993
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