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Das Leben mit und in der Zeit
„Chronos & Kairos“ ist ein weiterer Höhepunkt im Ausstellungsreigen der Kunsthalle im Kasseler Museum Fridericianurn. In der Schau sind Werke von rund 70 internationalen Künstlern zu sehen.
Zeit, Bewegung und Vergänglichkeit waren immer Themen der Kunst - gerade auch deshalb, weil sie sich den traditionellen Darstellungsformen widersetzten. Die Erweiterung der Kunst in unserem Jahrhundert trug dazu bei, daß die Zeit nicht nur verstärkt thematisiert wurde, sondern daß zahlreiche Künstler Werke schufen, die entweder die Zeit als eine Abfolge von Situationen spiegeln oder die die Zeit als Gestaltungsfaktor einbeziehen. Die Ausstellung im Museum Fridericianum vermittelt erstmals in umfassender Weise, wie intensiv die Künstler der letzten 40 Jahre sich auf dieses Thema eingelassen haben und welche schönen und packenden Arbeiten dabei entstanden sind.
Der Titel „Chronos & Kairos“ bezieht sich auf die antike Mythologie: Kairos ist der Gott des richtigen Augenblicks, Chronos steht für den Verlauf der Zeit, die Lebenszeit. An dieser Stelle sollen in einem ersten Schritt Arbeiten vorgestellt werden, die dem Urgott Chronos, dem Zeitverlauf, verpflichtet sind.
Bleiben wir bei der Lebenszeit: Hans Peter Feldmann hat an einer Wand über 300 Privatfotos zusammengestellt. Die Aufnahmen stammen von einer Frau und spiegeln 50 Jahre ihres Lebens. Der Künstler hat in diesem Fall nur als vermittelnder Dokumentarist gewirkt.
Seine eigene Existenz bezeugt dagegen On Kawara, der, wenn er malt, ein Gemälde schafft, das (neben der Farbe) als einzige Botschaft das Datum des jeweiligen Tages trägt. Das, was bei anderen Künstlern Teil der Signatur ist, wird bei ihm zum Lebensdokument. Das einzelne Bild mag zwar Kairos zugeordnet werden, in der Reihung sind die Bilder aber Kinder von Chronos. Noch mehr gilt das für On Kawaras zweimal 10-bändiges Werk „One Million Years“, das im Grunde nicht lesbar ist, aber doch eine Vorstellung von den Dimensionen der Zeit gibt: In Zahlenkolonnen sind die Zeiträume von 998 031 vor Christus bis 1969 und von 1981 bis 1 001 980 Jahr für Jahr aufgelistet. Mit der Vollendung dieses Jahres-Uberblicks wird zugleich die Absurdität solcher Aufstellungen sichtbar gemacht.
Alltägliche Lebensspuren hat George Maciunas zum Kunstwerk in Pop-Art-Manier geordnet: Er hat die Verpackungen seiner in einem Jahr verbrauchten Lebensmittel in Reih und Glied geordnet.
Wie lang reale Zeit sein kann, führt Sam Taylor-Wood mit Hilfe von vier parallel laufenden Videos vor, die unerbittlich Personen zeigen, die Zeit totschlagen. Überhaupt haben Video und Film der Kunst erst die ungeahnten Möglichkeiten zur Thematisierung der Zeit eröffnet. Die frühesten und radikalsten Ansätze zur künstlerischen Veranschaulichung stammen von John Cage, Nam June Paik, Andy Warhol und James Riddle: Warhol filmte acht Stunden lang das Empire State Building im wechselnden Licht eines Tages und verdeutlichte damit den Verlauf und überschritt zugleich die Grenzen des Kinos. Paik dagegen führte Zeit und Ewigkeit zusammen: Die Kleinplastik von Rodins „Denker“ betrachtet ihr unveränderliches Bild auf dem Monitor. Das ist eine ebenso schöne, hintergründige geistvolle Arbeit wie K.H. Hödickes „Kalter Fluß“, die aus zwölf an der Wand hängenden Eimern besteht, aus denen allmählich, für das Auge nicht erkennbar, Teermassen fließen und sich auf dem Boden auftürmen.
HNA 16. 9. 1999
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