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Einmal rund um die ganze Welt
Es ist das ehrgeizigste Ausstellungsprojekt von René Block im Kasseler Museum Fridericianum: Unter dem Titel „Das Lied von der Erde“ präsentiert er Arbeiten von 29 internationalen Künstlern.
Das Reden und Denken über Kunst ist hier zu Lande traditionell auf Europa und bestenfalls auf den europäisch-amerikanischen Austausch bezogen. Bis in die 90-er Jahre wurde behauptet, die Kunst aus weiten Teilen Afrikas und Asiens sei im Verhältnis zur „Westkunst “ nicht dialogfähig. Kassels Kunsthallendirektor René Block sieht das anders. Nicht nur weil er über weit reichende internationale Erfahrungen verfügt, sondern weil er selbst jeweils einmal die Biennalen in Sydney und Istanbul künstlerisch geleitet hat und jüngst an der Biennale in Kwangju (Korea) als Kurator beteiligt war.
Nach Blocks Einschätzung haben die weltweit wie Pilze aus dem Boden geschossenen Biennalen wesentlich dazu beigetragen, den bei uns für unmöglich gehaltenen Dialog in Gang zu setzen. Dies will er mit seiner Ausstellung „Das Lied von der Erde“ dokumentieren: Er wählte acht Biennale-Städte als Bezugsorte, um aus der jeweiligen Biennale-Region (aus dem betreffenden Land) zwei bis sechs Künstler vorzustellen.
Die Künstler können und sollen nicht repräsentativ sein. Aber ihre in Kassel gezeigten Werke lassen - bei allen kulturellen Unterschieden - ähnliche Ansätze und Strategien erkennen. Das Verhältnis zum Bild und zum Objekt ist (ironisch) gebrochen. Nur auf Umwegen werden Bilder zurück gewonnen. Die können dann aber poetisch und ergreifend sein.
Blocks „Das Lied von der Erde“ geht rund um die ganze Welt. Innerhalb der Ausstellung kann man den Biennale-Bezug (den richtig erst ein Kongress vom 3. bis 6. August herstellt), vergessen. Umso intensiver kann man sich auf die Ergebnisse der subjektiven Auswahl konzentrieren. Und die sind zum überwiegenden Teil faszinierend. Mehrere Video-Arbeiten und Raum-Inszenierungen lassen den Eindruck entstehen, man bewege sich in der Werkstatt einer kleinen documenta.
Einen unmittelbaren documenta-Bezug schafft der französische Altmeister Daniel Buren, der schon 1982 mit einer Arbeit auf die Fenster des Fridericianums reagierte. Jetzt entwickelte er im Erdgeschoss der Rotunde eine Installation, die um ein Vielfaches den documenta-Beitrag von 1982 übertrifft: Durch eine nachgebaute zweite Fensterreihe im Raum lässt er ein Wechselspiel farbiger Gläser und des Innen und Außen entstehen. Auch werden sich viele in Erinnerung an die documenta X darüber freuen, dass wieder William Kentridge mit einem gezeichneten Film vertreten ist.
Besonders gelungen ist auch die Raumabfolge im Zwehrenturm. In einem melancholisch- poetischen Bild signalisiert Kcho das Ende aller Bootsfahrten: Von der Decke hängt ein Seil mit einem Bündel Paddel. Endzeitstimmung auch in der Installation von Fernanda Gomes: Man tritt ein in einen Raum voller Spuren und Hinterlassenschaften, die von einem vergangenen Leben künden. Und darüber schließlich ein lauthals singender Videochor, den niemand richtig versteht.
Auf zehn Monitoren sieht man Sänger, die miteinander konkurrieren, aber weder richtig Englisch noch singen können. Es entsteht genau das Endprodukt unserer Fernsehwelt, in der die Bildschirme von den Amateuren und Dilettanten beherrscht werden.
HNA 10. 6. 2000
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