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Dynamik aus dem Inneren
1959 Marino Marini: Pferd und Reiter
Die zweite documenta eröffnete neue Dimensionen: Das Fridericianum war zu einem reinen Haus der Malerei geworden, während die Skulptur in die Ruine der Orangerie in der Karlsaue umgezogen war. Das Publikum und die Kritik feierten diese Entscheidung als Qualitätssprung, denn nun war die Plastik nicht mehr nur Dekor der von den Bildern beherrschten Räume, sondern ein gleichrangiges, eigenständiges Element.
Bode und sein Team war für die Skulpturen eine ebenso überzeugende Inszenierung gelungen wie für die Malerei im Fridericianum. Die Ruine der Orangerie diente als eindrucksvolle Kulisse, als torsohafte Monumentalskulptur. In und vor die Ruinenmauern waren weiß gestrichene Backsteinmauern gesetzt worden, die einen gleichmäßigen ruhigen Hintergrund bildeten, vor dem sich die plastischen Werke ohne irgendwelche Beeinträchtigungen präsentieren konnten. Klar und scharf zeichneten sich die Werke ab. Unter diesen Voraussetzungen behaupteten sich auch die abstrakten Skulpturen, die nicht von allen verstanden wurden oder Kritik provozierten. Besonders reizvoll und beliebt war die Skulpturenschau in den Abendstunden, wenn Scheinwerfer die Szenerie erleuchteten und die Skulpturen Schatten warfen.
Zu den Vermittlern zwischen den extremen Positionen der Plastik zählte zu jener Zeit der Italiener Marino Marini (1901-1980). Er war Maler und Bildhauer zugleich und im Friedericianum mit mehreren Bildern vertreten, in denen er sich als ein vom Kubismus beeinflusster Expressionist zu erkennen gab. Marino Marini bewegte sich mit seinen Arbeiten immer auf der Grenzlinie zwischen konkreter Gegenständlichkeit und Abstraktion. Den Bezug zum Figürlichen, zum Erzählerischen, hat er nie aufgegeben. Die documenta erlaubte Marini, unterschiedliche Positionen darzustellen.
Mit der Erinnerung an Marini verbindet sich der Gedanke an ein Thema: Pferd und Reiter. In immer neuen Variationen hat Marini dieses Motiv durchgespielt und auf faszinierende Weise zu immer neuen Lösungen gefunden. Marinis Reiter-Skulpturen entstanden in Anlehnung an die Reiterstandbilder, durch die sich Herrscher und Feldherren ehren ließen. Auch bei Marini standen Pferd und Reiter noch auf dem Sockel. Der war aber niedriger geworden. Ebenso waren Mensch und Tier geschrumpft. Aus der Überhöhung war eine Verkleinerung geworden, die dem menschlichen Maß nahe kam. Eine noch kleinere Reiterskulptur hatte Marini 1955 in der ersten documenta gezeigt.
Es gibt Reiterstandbilder, die wirken dadurch, dass sie das Tier und den Reiter im Sprung, in Bewegung zeigen. Marinis „Pferd und Reiter“ (1947) hingegen steht fest, erscheint statuarisch. Dafür gelang es dem Künstler, die Bewegung aus dem Inneren herauszuholen und sichtbar zu machen. Am deutlichsten wird das am Pferd. Es steht in einer gewissen Anspannung, die Vorderbeine nach hinten durchgedrückt. Gesteigert wird die Anspannung durch den gerade nach vorn gestreckten Kopf, so dass Rücken, Hals und Kopf eine durchgehende Oberkante bilden. Die Beine Pferdes und Teile seines Kopfes sind vergleichsweise realistisch angelegt. Der Pferdekörper aber und noch mehr der Reiter sind stark stilisiert. Auch bei dem Reiter ist eine innere Bewegung angedeutet: Die Füße sind nach unten gestreckt.
Diese aus dem Inneren kommende Dynamik steigerte Marini zehn Jahre später in einer Skulptur zum gleichen Thema zu höchster Expression. Ähnlich wie in der Malerei ist die Form unter dem Eindruck von Kubismus und Expressionismus herausgebildet worden. Die gegenständlich-plastischen Elemente sind zugunsten der Abstraktion zurückgedrängt worden. Alles drängt zur reinen Form: Pferd und Reiter sind in einer Drehung begriffen, wobei das Tier breitbeinig die vier Eckpunkte der rechteckigen Platte besetzt. Aus den ehemals gerundeten Körpern sind eckige und kantige Gestalten geworden. Die auf das Äußere übertragene Expression stellt eine Verbindung von innerer und äußerer Bewegung her. Die „Cavaliere“ genannte Skulptur gleich der Darstellung eines Reiters, der dabei ist, sein Pferd herumzureißen.
Die documenta II würdigte Marini als Maler und Bildhauer. Fünf Jahre später wurde der Italiener in Kassel auch noch mit seinen Zeichnungen vorgestellt.
Aus: Meilensteine - documenta 1-12
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