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Kühle und ausgewogene Komposition
1959 – Wassily Kandinsky: Durchgehender Strich
Zwei programmatische Ziele wollten Werner Haftmann und Arnold Bode durch die documenta II erreichen. Sie wollten dokumentieren, dass die Kunst durch Einzelpersönlichkeiten, durch Meister, vorangetrieben werde; und sie wollten vorführen, dass die Kunst der Nachkriegszeit zwangsläufig in die Abstraktion münde. Doch gerade in dem zweiten Punkt ernteten sie Widerspruch. Denn eben zu der Zeit, in der sie ihre These vertraten, meldete sich in England und in den USA eine Künstlergeneration zu Wort, die neue Kraft aus dem Rückbezug auf das Gegenständliche schöpfte. Außerdem erwies sich die Kunst der documenta II als gar nicht so als so abstrakt geprägt, wie ihre Macher behaupteten.
Die documenta von 1959 widmete sich zur Hauptsache der nach 1945 entstandenen Kunst. Allerdings bezog sie auch Hauptwerke der Pioniere der Moderne ein. Zu ihnen zählte der Russe Wassily Kandinsky (1866-1944), der wesentliche Schaffensjahre in München, Weimar, Dessau und Paris verbrachte. Bereits um 1910 hatten sich in Kandinskys weicher und farbenfreudiger Malerei abstrakte Kompositionen angedeutet. Diese Tendenz verstärkte sich sehr rasch, wobei anfänglich immer noch die Beziehungen zur landschaftlichen und figürlichen Darstellung erkennbar blieben.
Zusammen mit Franz Marc hatte Kandinsky 1911 die Gruppe (und den Almanach) „Der Blaue Reiter“ gegründet. Hinter dem Titel verbarg sich sowohl eine Liebe zur Romantik als auch ein Hinausdenken über die Malerei zur Musik und zum Geistigen. Je stärker Kandinsky die traditionellen Bezüge der Kunst hinter sich ließ, desto freier wurde er in seinen Kompositionen. Er begann, neue Realitäten zu schaffen, in denen nicht länger Figuren oder Objekte Träger von Energien waren. Vielmehr entwickelte Kandinsky Bilder, in denen er die Kraftfelder und Energienströme als Symbole und Zeichen darstellen konnte.
Das Gemälde „Durchgehender Strich“ von 1923, das heute der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf gehört, ist eines der Meisterwerke, in denen die abstrakte Kunst ihre autonome Sprache gefunden hat. Der durchgehende Strich ist die dominierende Diagonale, die das Gemälde in zwei Teile gliedert. Wir entdecken alle Farben der Palette – jeweils in strenge Formen gebracht. Schwarze Linien wirken wie Pfeile oder Ströme. Kreise, Dreiecke, Bögen und andere geometrische Figuren werden sichtbar.
Die Gesamtkomposition auf einem gelblichen Untergrund zerfällt in mehrere Kraftfelder, die sich teilweise überlagern und miteinander um die Aufmerksamkeit der Betrachter ringen. Die Überlappungen und Überschneidungen lassen ein vielschichtiges System entstehen, das die Vorstellung von Tiefe und Räumlichkeit weckt, das aber dem flächigen Grundverständnis treu bleibt.
Man ist versucht, von Formen- und Farbenklängen zu sprechen. Denn die Komposition wird von einer starken Musikalität getragen. Die Zeichen und Farbfelder könnten auch Notationen sein. Es fällt schwer, einen Ruhepunkt oder gar ein Zentrum auszumachen, an dem man verweilen könnte. Gleichwohl fällt das Bild nicht auseinander. Die schwarzen Linien und Bögen wirken ebenso wie Klammern wie die Gleichgewichtigkeit der großen Formen und Felder. Die beherrschende Kreisform auf der rechten Seite beispielsweise wird von den beiden sich überlagernden Parallelogrammen auf der linken Seite in der Balance gehalten.
Diese Komposition braucht keinen Außenbezug. Sie ist nicht die abstrakte Ableitung von etwas anderem, sondern sie ist in sich selbst gegründet – als ein Wechselspiel von Kräften und Spannungen und als eine Organisation von Ordnungen. In einer solchen Komposition gewinnt das kleinste Teil an Bedeutung. Dahinter steht der zeitweilige Triumph der rationalen Abstrakten über die Kunst, in der Gefühle und Stimmungen den Künstler leiten. Trotzdem enthalten auch Bildordnungen wie diese irrationale Elemente, die nicht genau definierbar sind.
Aus: Meilensteine - documenta 1-12
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