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Ein begehbares Bild
1977 – Hans Peter Reuter: documenta-Raumprojekt
Der massive Auftritt der Foto-Realisten in der documenta 5 hatte wie ein Schock gewirkt. Teile des Publikums hatten zwar die Lust an der zeitgenössischen Kunst zurückgewonnen, doch innerhalb der Kunstszene hatten die Realisten für Verunsicherung und Ablehnung gesorgt. Sieht man von einzelnen Künstlern wie Franz Gertsch oder Duane Hanson ab, blieb der Auftritt ohne langfristige Folgen. Die (foto)realistische Kunst spielte weiterhin eine Außenseiterrolle.
Allerdings meinten viele 1977, der deutsche Maler Hans Peter Reuter (Jahrgang 1942) sorge für die Weiterentwicklung der fotorealistischen Schule. Sein Beitrag zur sechsten documenta war eine Arbeit, die gleichermaßen Bewunderung wie Erstaunen hervorrief, denn ihm war gelungen ein begehbares Bild zu schaffen, bei dem man nicht sofort erkennen konnte, wo der gebaute Raum endet und wo das gemalte illusionistische Bild beginnt: Ein leicht gerundeter Gang, der rundum mit blauen Kacheln gefliest war, mündete in einem ebenfalls blau gekachelten Treppenaufgang, der zu einem schier endlos wirkenden Kachelraum führte, aus dem von oben das Licht zu kommen schien.
Hans Peter Reuter wurde durch diese Arbeit mit einem Schlag berühmt. Er hatte ein Jahrzehnt zuvor mit einer Malerei begonnen, die ganz auf das Körperliche fixiert war. Er zeichnete und malte verschlungene Figuren von aufdringlicher Präsenz. Daraus entwickelten sich später Bilder mit pflanzlich-organischen Motiven, die wild wucherten. Irgendwann tauchten in diesen Kompositionen Kachelstrukturen auf, die sich allmählich durchsetzten und schließlich die Pflanzen und Gestalten völlig verdrängten.
„Ich bin ein emotionaler Maler“ hat Reuter in einem Gespräch gesagt. Man mag es nicht glauben, wenn man die kühlen, streng konzipierten Kachelräume sieht. Wenn Reuter dennoch ein emotionaler Künstler ist, dann malt er, so mag man folgern, in seinen Kachelbildern ständig gegen die eigene Natur an. Das ist aber nur eine mögliche Wahrheit. Eine andere liegt darin, dass sich der Maler mit seinem Drang zu Stimmungen und Gefühlen hinter der konstruktiven Art des Arbeitens verbirgt.
Die illusionistische Kunst, die mit dem nahtlosen Übergang von der flächigen Malerei zum Raum (Relief, Skulptur) spielt, hat eine lange Tradition und hat in den barocken Deckengemälden ihre schönsten Ausprägungen gefunden. In Kassel hatte Reuter die Möglichkeit, an diese Tradition anzuknüpfen und einen Raum zu schaffen, der sich im gemalten Bild vollendet.
Im Gegensatz zu den Künstlern des Barock interessierte Reuter aber nicht die thematische oder plastische Erweiterung der Malerei. Seine Kachelräume der 70er- und 80er-Jahre, die an die Architektur von Schwimmbädern erinnerten, waren geschlossene Systeme und hatten dementsprechend nur wenig mit den fotorealistischen Arbeiten gemein. Denn so wie sich in einem Kachelraum die Böden, Wände und Decken spiegeln, so baute Reuter Kompositionen, in denen man sich dank der mehrfachen Spiegelungen verlieren konnte. Das Bild spiegelte sich im Bild.
Die Grundfrage der Malerei nach dem Verhältnis von Fläche und Raum beantwortete Reuter neu. Denn je komplizierte und artifizieller seine Spiegelungen und damit seine Raumsysteme wurden, desto stärker lösten sich die Raumwirkungen auf und setzte sich der Eindruck durch, dass sich alles auf einer Fläche abspiele. Hans Peter Reuter machte das Bild, dem er sich verschrieben hatte, zum Thema und reflektierte es in seiner Malerei. So sind die Kompositionen jener Jahre nicht nur illusionistische Kachelräume, mit denen Reuter Erfahrungen aus seiner Jugendzeit aufarbeitet, sondern auch Bilder über das Malen. Wie stark der Nachhall solcher Bilder ist, beweist die documenta-Arbeit, die nach Ende der Ausstellung natürlich abgebrochen werden musste und von der nur das Gemälde am Kopf des Ganges blieb: Allen, die diesen Kachelraum betreten haben, ist er so gegenwärtig, als bestünde er noch.
Die illusionistische Malerei nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zur Auseinandersetzung mit der Kunst. Nimmt man es genau, dann ging es Reuter nicht um die Kacheln und nicht um den Irrgarten der Spiegelungen. Ihm ging es um die Quelle und die Kraft des Lichtes. Das Kasseler Raumprojekt dokumentierte das auf exponierte Weise: Denn dort, wo die Malerei den dreidimensionalen Raum abschloss, sorgte die Lichtführung in dem Bild dafür, dass sich die Gesamtanlage öffnete. Die Malerei, so schien es, hob sich am Ende selbst auf.
Aus: Meilensteine - documenta 1-12
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