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Die Welt als ein Inferno
Museum und Kunstverein in Göttingen zeigän Grafik von Max Beckmann
Dem malerischen Werk von Max Beckmann (1884 bis 1950) ist das grafische gleichrangig zur Seite zu stellen. Rund 350 Grafiken, vornehmlich Lithographien und Radierungen sowie einige Holzschnitte, sind bekannt. Die meisten Arbeiten entstanden in den Jahren zwischen 1920 und 1923, in denen Beckmann seine unverkennbare Handschrift herausbildete.
Dank einer wachen Ankaufspolitik in den ersten Nachkriegsjahren verfügt die Kunsthalle Bremen über eine recht vollständige Sammlung von Beckmann-Grafiken. Aus diesem reichen Fundus wurde eine Auswahl getroffen, die nun in einer gemeinsamen Ausstellung von Städtischem Museum und Kunstverein in Göttingen gezeigt wird. Die Schau, die alle Werkphasen zwischen 1911 und 1946 vorstellt, ist reich an Höhepunkten.
Der wohl schönste Raum ist der mit den 16 Selbstbildnissen. Hier kann man verfolgen, mit welcher Intensität Beckmann in immer neuen Anläufen den Blick auf sich selbst richtete und dabei in schonungsloser Weise seine Charakterzüge darzustellen versuchte. Er sah sich stets ernst, mit forschenden, durchdringenden Augen. Mal erscheint er als der herrische Mann (1917), dann verzieht ein ironisch-bitterer Zug sein Gesicht zur Grimasse (1920/21). In sich ruhende, zur Sanftheit neigende Darstellungen wie das Se1bstbildnis mit steifem Hut“ (1921) bleiben Ausnahmen.
Ähnlich wie bei den Selbstbildnissen ging Beckmann bei den Porträts anderer Personen mit einer innigen Anteilnahme ans Werk. Keines dieser Bildnisse ist zur Karikatur geraten; immer ist auch aus den kühlsten Linienführungen die Nähe zur Person heraüszulesen.
Dies ändert sich, wenn Beckmann Szenen darstellt, wenn er Kriegserlebnisse reflektiert oder Großstadtbilder entwirft:- dann drängen sich die großköpfigen Figuren auf engem Raum; Häuser und Zimmer scheinen erdrückend und zudem ins Wanken geraten zu sein; das Mit- und Nebeneinander von Gewalt, Lust und Elend verwandelte alles, ob Jahrmarkt, Großstadt oder Kriegsalltag, in ein Inferno.
Bildern mit ihren eckigen Formen und spitzwinklig gegeneinander laufenden Linien hat er den Menschen oftmals zur Karikatur seiner selbst werden lassen. Beckmann hat diese WeItsicht mit manchen seiner Zeitgenossen gemein. Die Größstadtszenen von Ernst-Ludwig Kirchner sind hier im gleichen Maße zu nennen wie die Zeichnungen von George Grosz. Und doch hat Beckmann zwischen dem Expressionismus eines Kirchner und dem politisch-kritischen Realismus eines Grosz einen sehr eigenen, unverwechselbaren Weg gefunden. Vor allem war ihm stets die hektisch-nervöse Handschrift fremd. Auch seine großen expressiven Arbeiten wie die Lithographie „Die Nacht“ (1919), in der alles in Aufruhr scheint, zeichnen sich durch ein feines, klar aufgebautes Liniengefüge auf.
Beckmann begann mit weichen, flächigen Grafiken; und an seinem Lebensende schuf er wieder Blätter mit sich auflösenden Kompositionen. Dazwischen fand er zu der großen Form, in die das Einfache, fast Naive,
ebenso bestimmend eingegangen war wie die perspektivisch verkürzende und sezierende Sicht.
HNA 1. 9. 1981
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