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Gewachsene Formen
Hans Arp zum 100.
Er zeichnete und malte, er schuf Collagen, Reliefs und Plastiken und schrieb Gedichte. Der deutsch-französische Künstler Hans (Jean) Arp, der heute vor 100 Jahren in Straßburg geboren wurde, war weit mehr als eine Doppelbegabung. Er schöpfte bis zu seinem Tod vor 20 Jahren aus einem dauernd sprudeInden Quell und fand für alle Gedanken, Träume und Visionen ausdrucksstarke Formen. Alles war für ihn eins; leichthin konnte er an einem Tag vom Malen zum Schreiben und dann wieder zum Bildhauern wechseln.
Die Dreisprachigkeit, in der er als Elsässer groß wurde, half ihm darüber hinaus, in den Zeiten engstirnigen nationalen Denkens zwischen den Kulturen zu vermitteln. Erst die Herrschaft der Nationalsozialisten brachte ihn dazu, sich von seiner deutschen Seite abzukehren und nur noch in französischer Sprache zu schreiben und sich in Jean Arp umzubenennen.
Hans Arp, der bereits als l5jähriger seinen Weg zur Kunst fand, hatte das Glück, ganz früh mit den Künstlern zusammenzutreffen, die im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts den Umbruch der Kunst einleiteten. Schon 1911 konnte er in der Schweiz als Mitorganisator einer Ausstellung auftreten, an der u.a. Gauguin, Klee, Matisse und Picasso beteiligt waren. Nach einer kurzen Zeit des Selbstzweifels fand Arp schließlich seinen eigenen künstlerischen Weg: Er ging durch die
strenge (konstruktive) Abstraktion hindurch und entwickelte seine träumerisch gewachsenen Formen, denen bei aller Loslösung vom Figürlichen stets etwas Organisches anhaftete. Auf diese Weise war er einer der wenigen Künstler, die in den 20er und 30er Jahren bei den geometrisch-abstrakten Künstlern ebenso eine Heimat hatten wie bei den Surrealisten.
Seine plastischen Arbeiten entwickelten sich sehr konsequent aus dem Malerischen. In den Skulpturen gelangte er dabei zu Lösungen, die in ihrer geschmeidigen Körperlichkeit und Offenheit in die gleiche Richtung weisen wie die von Henry Moore. Arps Formensprache erreichte eine unvergleichliche Ruhe und Ausgewogenheit. So sehr Arp als bildender Künstler sich den Surrealisten mit ihrer aus dem Unterbewußten geschöpften Kunst verbunden fühlte, so wenig war er auf deren vordergründig-bildreiche Sprache festgelegt. Auch seine Traumvisionen goß er in losgelöste, freie Formen.
Ganz anders in seiner Dichtung: Da tanzen die phantastischen Bilder umeinander, da blieb er bis ins hohe Alter der Surrealist, Hans Arp hatte 1916 in Zürich die Dada-Bewegung mitbegründet und von daher das Ineinanderverweben der Visionen, Wortfetzen, Unsinnwörter und Sprachverulkungen beibehalten.
Arps 100. Geburtstag ist Anlaß für eine Vielzahl von Ehrungen. So werden heute Arp-Ausstellungen
im Künstler-Bahnhof Rolandseck und in der Kunst-Station des Frankfurter Hauptbahnhofs eröffnet. Ebenfalls heute beginnt (für zwei Monate) eine große Übersichtsschau über sein Gesamtwerk in Straßburg. Diese Ausstellung startete in Stuttgart und wandert später über Paris in die USA.
Der zur Ausstellung herausgegebene Katalog (Verlag Gerd Hatje, Stuttgart, 316 5., 443 Abb., 58 DM) vermittelt in Text und Bild einen hervorragenden Einblick in dieses unvergleichliche Werk und die Vielfalt seines Schöpfers. Der Katalog holt aber auch Arps Frau, Sophie Taeuber, aus dem Schatten heraus. Diese Frau, die von 1915 an 28 Jahre hindurch das Schaffen von Arp begleitete, wird hier als eigenständige Künstierin sichtbar, die nicht nur Anregungen gab und Korrekturen einbrachte, sondern auch in vielen Fällen erst die Umsetzung von Ideenskizzen ermöglichte. Sowohl in der Formensprache als auch in der Farbigkeit hat sie das Werk von Hans Arp wesentlich mitbestimmt.
HNA 16. 9. 1988
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