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Annäherung an Joseph Beuys
Ausstellung in Göttingen
Joseph Beuys ist immer wieder für einen kleinen Skandal gut - selbst wenn er völlig unbeteiligt ist. Der Kunstverein Göttingen zeigt im Städtischen Museum bis zum 8. April rund 150 Zeichnungen und Objekte von Beuys. Ein Witzbold fügte der Ausstellung ein eigenes Werk bei. Der Zufall wollte es, daß dieses Werk, das schon nach kurzer Zeit als ein satirischer Anti-Beuys entlarvt wurde, ausgerechnet als eine Illustration für eine lokale Ausstellungskritik ausgesucht wurde. Jetzt erst wurde aus einem Einfall ein Coup.
Da seit dem Aufkommen der ungegenständlichen Malerei und Bildhauerei ganze Karikaturistengenerationen von solchen Einfällen leben, weiß man mittlerweile, daß diese Täuschungsmanöver nicht so sehr gegen den einzelnen Künstler und seine Werke sprechen, sondern von mangelnder Aufarbeitung der Ausstellung durch die Veranstalter oder fehlender Bereitschaft zur Auseinandersetzung zeugen.
Die Ausstellung ist sorgfältig aufgebaut. Und dennoch hat es der Besucher schwer, der durch
diese Ausstellung Beuys erst kennen lernen will, denn erstens sind die gezeigten Werke nur Steine aus einem riesigen, noch nicht vollendeten Mosaik, also nur aus dem Gesamtzusammenhang verstehbar, und
zweitens wird hier keine Auswahl der besten, repräsentativsten oder neuesten Arbeiten von Beuys vorgestellt, sondern eine subjektiv gefilterte Privatsammlung.
Diese Sammlung rückt die Zeichnungen ins Zentrum und damit eine der Paradoxien von Beuys Die Zeichnungen weisen einerseits über sich selbst hinaus und beziehen die Stofflichkeit der Bildträger mit ein, so daß der Betrachter sein Empfindungsvermögen für Linien, Farben und Materialien erweitern muß; auf der anderen Seite erläutert Beuys selbst seine Zeichnungen als Denkformen und als in Kurzschrift verfaßte Beschreibungen. Mit herkömmlichen Begriffen kommt man hier sowieso nicht weiter, denn nur ganz wenige der hier ausgestellten zeichnerischen und malerischen Arbeiten reichen über den Charakter einer Skizze hinaus. Das Wort von der Kurzschrift begreift man auch als zutreffend, wenn man sich etwas mit Hilfe des Katalogtextes in die Zeichnungen und ihre Motive eingelesen hat.
Dieses Einlesen führt einen schneller und direkter zu Beuys’ Zeichenkunst als etwa der Weg (wie ich es bei einer Führung erlebt habe) über seine frühe gegenständlich-ornamentale Darstellung eines Schafes. Anhand des Schafes wollte der Führer den Nachweis erbringen, daß Beuys keineswegs nur scheinbare Kritzelbilder abliefert, sondern die Zeichenkunst meisterhaft beherrscht. Aber bedarf es solcher Umwege, wenn man in dem vermeintlichen Chaos die Eleganz, Verspieltheit und Treffsicherheit der Linien ausmachen und aus den zeichnerischen Verdichtungen die archaisch verkürzten Motive herauslösen kann?
Mit dem Entziffern der zeichnerischen Kurzschrift dringt man aber auch in die Beuyssche Vorstellungswelt ein, in der sich Mythen, Sinnes- und Geschichtserfahrungen mischen. Hirsch, Elch, Hase, das Mädchen als Jägerin und das Mädchen als Opfer sind zentrale Motive.
Der Betrachter hat es nicht leicht, denn er muß sich darüber hinaus mit höchst spröden Gestaltungsmitteln anfreunden. Das gilt insbesondere für die wenigen, keineswegs repräsentativen Objekte, die zu einem Teil von der Beuysschen Aktionen künden. Dabei muß man davon ausgehen, daß die Benutzung von Filz, Honig, Wachs und Fett bei der Gestaltung von Objekten stets auf die Beuysschen Begriffsfelder wie Wärme, Energie, Kreislauf und Kreativität verweisen und daß damit schon das Material - und nicht erst seine Ausformung - Aussage sein kann.
Die Ausstellung zeigt nicht, was Beuys heute macht oder wie er zu dem, was er heute macht, gekommen ist. Die Ausstellung markiert nur punktuell Teile eines komplexen Werkes, das die Sinne aktivieren will und höchst historisch-philosophisch geprägt ist. Man kann sich jedoch mit Hilfe der Ausstellung Beuys und seinem Werk annähern, wobei man allerdings der dringenden Hilfe des Katalogtextes und einer eventuellen Führung bedarf, will man sich nicht mit dem spontanen Erlebnis der Linien und Materialien zufrieden geben.
HNA 31. 3. 1979
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