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Der edle Künstler
Beuys-Ausstellung im Gropius-Bau
In dem zweibändigen Katalog zur Berliner Beuys-Ausstellung (Schirmer/Mosel Verlag, München, 862 S., 85 DM) ist ein kleines Foto zu finden, das den Bildehauer und Aktionskünstler bei der Installation seiner Arbeit „Hasengrab“ 1980 in der Düsseldorfer Galerie Schmela zeigt. Neben Beuys steht als kritischer Beobachter Heiner Bastian; im Vordergrund sitzt arbeitend Johannes Stüttgen.
Das Bild ist das Dokument einer Dreierbeziehung, die lange Zeit funktionierte. Seit dem Tod von Beuys vor zwei Jahren aber haben sich dessen Assistenten Bastian und Stüttgen zusehends voneinander entfernt. Während Bastian den Zeichner und Bildhauer Beuys gereinigt in den Tempel der Kunst holen will, besteht Stüttgen darauf, daß die vorzeigbaren Bilder und Plastiken des Joseph Beuys nur Teile eines komplexen, an die Grundfesten der Kunst und Gesellschaft rührenden Werkes seien. Die Berliner Ausstellung hat nun beide als die zwei Pole des einen Beuys vereint.
Während Bastian im Gropius-Bau die für Europa bisher größte Übersicht über das Schaffen von Beuys inszenierte, bezog auf der Straße davor der doppelstöckige Bus für direkte Demokratie Position, der an die Aktion von Beuys zur documenta 5 anknüpft und in dem Stüttgen für die lebendigen Ideen des toten Künstlers wirbt.
Bastians Ausstellungskonzept fordert notwendigerweise so etwas wie den Auftritt von Stüttgen heraus. Denn drinnen, in dem prachtvollen Gropius-Bau, ist Beuys nur edel und tot. Besonders drastisch dokumentiert das jener vorzügliche Katalogband, der die Skulpturen und Objekte vorstellt. Die Aufnahmen der Ausstellungsstücke sind so perfekt und so farbig, daß man völlig vergißt, wie sehr Beuys an einer neuen ästhetischen Qualität, an der Sprödigkeit und Alltäglichkeit der Materialien gelegen war. Das Farbfoto leistet hier der Verfälschung und damit der Entschärfung von Beuys Vorschub.
Der niederrheinische Künstler war ein Aufrührer, der weit über den engen Raum der Kunst hinaus Dinge in Gang brachte. Ihm lag daran, möglichst viele Menschen in den plastischen Prozeß hineinzuziehen. Das Leben sollte zur Kunst werden, jeder Mensch zum Künstler, nicht, um aus allen Maler und Bildhauer zu machen, sondern um die Gesamtheit der schöpferischen Kräfte zu vereinen. Diesem Ziel dienten zahlreiche seiner Aktionen, und zu diesem Zweck nutzte er alle Mittel und Wege, um möglichst viele Menschen mit seinen Ideen zu erreichen. Die Postkarte als Medium war ihm dabei ebenso wichtig wie jedes andere, in hohen Auflagen verbreitete Serienobjekt (Multiple). Doch weder von den Aktionen noch den Massenobjekten sind Spuren in der Ausstellung zu finden.
Noch einen weiteren gewichtigen Einwand gibt es gegen die Berliner Veranstaltung: Etliche Arbeiten bestehen aus vielen Einzelteilen, die Beuys wie Raumcollagen angeordnet hat. Sie wurden nun nach Berlin verpflanzt - ohne den Vorbehalt, daß Beuys mit Blick auf den Ortswechsel auch eine andere Ordnung gesucht hätte.
Und doch ist die von Bastian eingerichtete Schau ein Ereignis, weil sie das plastische Werk von Beuys in einer Vollständigkeit ausbreitet, wie sie bei uns noch nicht zu erleben war. Vor allem die ganz frühen bildhauerischen Arbeiten stellen den Künstler von einer neuen, unbekannten Seite vor. Die expressionistisch wirkenden Kruzifixe, in denen Kreuz und Christus zu einer Form verschmelzen, deuten an, daß Beuys auch dann einen eigenwilligen Weg gegangen wäre, hätte er die Grenzen der Kunst nicht überschritten.
Anhand der Skulpturen und Installationen ist Beuys Weg vom Ende der 40er Jahre bis hin zu seinem Tod nachzuvollziehen, wobei die Objekte aus der „Eurasia“-Aktion, die aus 100 Aluminiumrahmen mit 264 Fotos bestehende Arbeit ‚Arena“, die Installation „Zeige deine Wunde“, das Werk „Richtkräfte“ (Schultafeln mit Partituren), die Biennale-Arbeit „Straßenbahnhaltestelle“, der Filz-Raum ‚.Plight“ sowie die Installation „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch‘ die Eckpunkte bilden. Eine Ausstellung für sich sind die 456 Zeichnungen des Zyklus „The secret block for a secret person in Ireland“. In diesen rund um den Innenhof des Gropius-Baus gehängten Blättern offenbart sich der vielschichtige Fundus, aus dem Beuys schöpfte.
HNA 23. 2. 1988
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