Pflanzaktion gestartet

Mit dem Abladen von 60 rund fünf bis sechs Zentner schweren Basaltblöcken wurde gestern auf dem Friedrichsplatz in Kassel die bislang aufwendigste Aktion im Rahmen einer documenta eingeleitet: Der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys will in den nächsten drei, vier Jahren in Kassel 7000 Bäume (vornehmlich Eichen) pflanzen und jedem dieser Bäume als massives Natur-Zeichen einen Basaltblock beigeben, der zur Hälfte in den Boden eingelassen wird. Heute werden die ersten sieben Bäume gepflanzt. Die Basaltblöcke sollen bis zu ihrer Verwendung für die Aktion vor dem Museum Fridericianum, dem Stammhaus der documenta, lagern. Die rund drei Millionen Mark, die das Unternehmen kostet, will Beuys aus Spenden und Baum-Patenschaften finanzieren.

KOMMENTAR

In der Geschichte der documenta ist die Beuys-Aktion das aufwendigste und, seiner zeitlichen wie räumlichen Ausdehnung nach, größte Unternehmen. Das Setzen der 7000 Bäume und der 7000 Basaltblöcke wird runde drei Millionen Mark kosten – das ist fast soviel wie der halbe Etat für die documenta 7. Der Düsseldorfer Künstler Joseph Beuys ist sicher, daß er diese Summe aus Spenden und Stiftungen finanzieren kann.

Beuys‘ documenta-Beitrag ist ein großes Geschenk an die Stadt und ihre Bürger: Zu den 8000 Straßenbäumen werden 7 000 hinzukommen; das wird für das Stadtbild nicht ohne Folgen bleiben. ,,Stadt-Verwaldung“ heißt denn auch die Parole.

Neben dem Verpackungskünstler Christo ist Beuys zur Zeit wohl der einzige, der ein Projekt solchen Ausmaßes durchsetzen kann. Während Christo aber in der Landschaft seine künstlichen Spuren zieht und Zeichen setzt, will sich Beuys in diesem Fall ganz den natürlichen Formen verschreiben: Der wachsenden. grünenden Natur (Baum) soll als massives Zeichen gewachsene, erstarrte Natur (Basalt) hinzugefügt werden. Jeder Baum mit der zur Hälfte in den Boden gerammten Basaltsäule wird auf diese Spannung zwischen lebender und toter Natur verweisen.

In dieser Aktion verwirklicht Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff so radikal wie selten zuvor – zumal er ganz den Kunstraum verläßt und in die städtische Öffentlichkeit geht. Der Kunst-Charakter besteht eben darin, daß er etwas ermöglicht, was sonst kaum machbar wäre. Beuys weiß, daß er damit auch ein Politikum in Gang bringt. Darum versteht er die Überwindung innerstädtischer Schwierigkeiten als Teil seiner Aktion.

Bevor die große lebende Skulptur „7 000 Eichen“ in Kassel fertig ist, wird sich erst einmal die gewaltige tote Skulptur (aus den dort deponierten Basaltbiöcken) auf dem Friedrichsplatz breit machen. Sie wird auf Jahre für heftige bis hitzige Diskussionen in der Stadt sorgen. Der documenta mit ihrem schmalen Werbeetat wird das nur recht sein.

HNA Frühjahr 1982

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