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Die Menschen gehören eigentlich dazu
Sechsmal in Folge hatte Beuys an der documenta teilgenommen. Ein einsamer Rekord. Nun folgt die erste documenta ohne ihn. Die Zeit nach Beuys beginnt erst richtig. Trotzdem werden die Besucher Kassels und der documenta hundertfach auf Beuys gestoßen, wenn sie die prachtvoll gediehenen Alleen passieren und wenn sie in der Neuen Galerie einen der konzentriertesten Beuys-Räume in einem Museum vorfinden. Aber auch in der documenta will Jan Hoet an Beuys erinnern - in einer Installation der „kollektiven Erinnerung“.
Auch wenn die Stadt es verpaßt hat, Beuys zu seinen Lebzeiten nachdrücklich zu ehren, ist Kassel doch auf Dauer mit ihm verbunden. Mehr als mancher Stadtplaner hat er den Stadtraum umgeformt. Für Düsseldorf, seinen langjährigen Wirkungsort, hätte er das nicht getan. In der documenta-Stadt hingegen
fand er den Humus für seine Ideen, die Menschen, die ihn herausforderten und trugen. Die Idee, mit der Pflanzaktion „7000 Eichen“ die Zeit zwischen zwei documenten zu überbrücken, war erst später entstanden. Dann aber wirkte sie logisch und zwingend. Es war aber Joseph Beuys nicht vergönnt, jenen Tag noch mitzuerleben, an dem sich der Kreis schloß, an dem der keilförmige Basaltberg auf dem Friedrichsplatz abgebaut war und neben den ersten der 7000 Bäume der letzte gesetzt wurde.
Fünf Jahre vorher hatte Beuys mit seiner spektakulären Aktion, bei der er eine Kopie der Zarenkrone in ein neues Friedenssymbol (Hase und Sonne)
umschmolz, auf dem Friedrichsplatz ein von Protestgeschrei begleitetes Volksfest in Gang gesetzt. 1987 aber, zum Auftakt der documenta 8, fiel der triumphale
Abschluß der Pflanzaktion stiller aus. Eine Idee hatte sich zwar durchgesetzt, aber der Ideenspender lebte nicht mehr. Trotzdem prägte Beuys ein weiteres Mal die documenta. Durch ihn wurden Außen („7000 Eichen“) und Innen („Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“) verknüpft.
Allein das Wort „Mensch“ hatte auf einer der sieben Schiefertafeln gestanden, die in Beuys‘ Büro der „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ in der docurnenta 5 (1972) zu sehen waren. Um den Menschen und die Arbeit an ihm war es Beuys gegangen, als er während der documenta 5 hundert Tage lang Stunde um Stunde mit den Besuchern um den richtigen Kunst- und Menschenbegriff rang.
Sein Vertrauen auf den produktiven Austausch der Ideen war so stark, daß Beuys 1977 mit der Honigpumpe im Museum Fridericianum eine pulsierende Skulptur schuf, die den Arbeits- und Diskussionsprozeß versinnbildlichte: „…Und diese Honigpumpe ist also nicht denkbar nur als Sache, nur als Maschine oder als Skulptur. Die Menschen gehören eigentlich dazu…“ Unter der Honigpumpe war Beuys nicht mehr Einzelkämpfer, da war er aufgehoben in einer Gruppe. Die FIU war ins Leben getreten.
Unvergeßlich jener 15. Dezember 1981. Ein früher Wintereinbruch hatte Schnee und Matsch beschert. Und Joseph Beuys wollte aus Düsseldorf anreisen, um bei einer Pressekonferenz im Café Pesel seinen Beitrag zur documenta 7 zu erläutern. Banges Warten, aber Beuys kam nicht. Umso üppiger gerieten die Phantasien der Wartenden. Daß Beuys zur documenta auf die Straße gehen und Bäume pflanzen wolle, hatte sich herumgesprochen. Je länger der Plan ausgesponnen wurde, desto utopischer schien er. 7000 Bäume? Wer sollte das bezahlen? Summen zwischen 700 000 und zwölf Millionen Mark wurden gehandelt. Doch dann endlich kam Beuys. Und plötzlich war alles weggewischt, war die Utopie greifbare Realität. Beuys hatte nicht nur Zahlen im Sinn und nicht nur die Natur und ihre Bedingungen, sondern auch die Vorstellung von einer in der Zeit wachsenden Skulptur.
Immer sieht man den Mann mit dem Hut vor sich. Der Mensch steht für das Werk, weil dieses existenziell und lebendig ist. Da wirkt es fast prophetisch, daß das erste Bild, das 1964 anläßlich der documenta III von Beuys in Kassel publiziert wurde, eben ein Porträtfoto war - der damals 43jährige Beuys mit Hut.
Aber auch ohne den schützenden Hut sah man ihn in Kassel: Als er nämlich im Streit um seine fristlose Entlassung aus den Diensten der Düsseldorfer Kunstakademie zweimal in das Bundesarbeitsgericht kam. Zur Überraschung aller entwickelten die höchsten Richter ein Gespür für Beuys‘ künstlerische Belange: Er gewann den Prozeß und siegte in seinem Glauben an die Menschen.
Kassel kulturell 1992
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