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Kunst als Rätsel
Die documenta 6, ihr Medienkonzept und ihre Wirklichkeit standen zur Diskussion. Im Verlauf der Forumsdiskussion in der Kasseler Lutherkirche mit documenta-Experten wurde schließlich aber das documenta-Publikuin zum eigentlichen Diskussionsgegenstand. Auf verschiedene Fragen und Einwände nämlich, wie einzelne Plastiken zu verstehen seien und daß andere Werke nicht von einer Kunst-Könnerschaft zeugten, stellten der künstlerische Leiter der documenta 6, Manfred Schneckenburger, und Künstler-Professor Joseph Beuys Verhaltensregeln für den Umgang mit der aktuellen Kunst auf.
Nachdem Schneckenburger zugestanden hatte, daß manches auf der documenta nicht auf den ersten Blick plausibel sei, appellierte er an die Besucher, ihre Kunstbegriffe nicht festzufrieren. Gerade im Umgang mit neuen Dingen sei manchmal das Bewußtsein, zu wissen, was Kunst sei, gefährlich. Ebenso wenig dürfe man versuchen, das documenta-Erlebnis auf die Vermittlung von Bildungsinformationen zu reduzieren. Er selbst gehe mit der Haltung durch die Ausstellung, daß „viele Arbeiten mir Erfahrungen vermitteln, die mich offen machen für neue Erfahrungen“.
In dieselbe Richtung zielte Beuys, als er davor warnte, gleich bei der ersten Wahrnehmung eines Werkes die Frage „Was soll es bedeuten? zu stellen. Bevor man solche Fragen stelle, müsse man erst einmal die Sinne in Gang setzen, um die künstlerische Arbeit zu erfahren. Im Übrigen sei jede Kunst stets ein Rätsel.
Wie intensiv und vielschichtig die Seh- und Kunsterfahrungen dieser documenta sein können, hatte zuvor Herbert Malecki (Gesamthochschule Kassel) am Beispiel der „horizontalen Plastik“ in der Aue erläutert. Hier seien durch Plastiken nicht nur Bezüge zur Natur und Architektur hergestellt, sondern auch zur Geschichte. In diesem Zusammenhang bekannte Manfred Schneckenburger, daß er ursprünglich an einen „Plastik-Freiluftsaal“ in der Karlsaue gedacht habe, die Künstler aber diese Vorstellungen gesprengt und den gesamten Park in ihr Konzept einbezogen hätten.
Am Anfang der Diskussion hatte die von Gesprächsleiter Lothar Orzechowski gestellte Frage gestanden, ob und wo in der Ausstellung, der rote Faden des umstrittenen Medienkonzepts sichtbar werde. Während Schneckenburger noch einmal das Konzept verteidigte, meinte Prof. Karl-Oskar Blase (Gesamthochschule Kassel), der zugrundegelegte Medienbegriff sei eingeengt und methodisch nicht richtig fundiert. documenta-„Vater“ Prof. Arnold Bode hingegen bezog die Fragestellung aufs Greifbare: Entscheidend sei, was man auf der documenta 6 sehe. Er selbst sehe, daß einiges gelungen, einiges mißlungen sei und daß auf jeden Fall die Vermittlung von Kunst schwieriger geworden sei.
HNA 11. 7. 1977
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