Weniger, doch dafür mehr

Die Konturen der documenta7 werden sichtbar – Eine erste Künstlerliste

Mit erheblichem, wenn audi kaum eingestandenem Unbehagen hatten die documenta-Verantwortlichen in der Vergangenheit nach Köln geschaut. Was würde, was sollte sich in der Ausstellung, die schließlich den Titel „Westkunst“ bekam, eigentlich abspielen, etwa auch der Anfang vom Ende der Kasseler Veranstaltung? Als ein Gegenwurf war das Kölner Unternehmen zumindest in Teilen gedacht. Nun, der künstlerische Leiter der documenta 7, Rudi Fuchs, konnte von Köln beruhigt nach Hause fahren. „Westkunst“ hatte ihm das Wasser nicht abgegraben.
Die Kölner Ausstellung hatte im Gegenteil den Zeitraum, um den es in der documenta 7 vornehmlich gehen wird, die 70er Jahre, so gut wie gänzlich ausgespart. Und nicht nur das. Ansatz und Zielsetzung der beiden Ausstellungen erwiesen sich als grundverschieden. Fuchs hatte nie vor, die Moderne auf breiter Front zu dokumentieren. Die documenta 7 sollte ein sehr konzentrierter, sehr zurückgenommener Dialog der Kunst mit sich selbst werden.

Nach Köln kann sie es jetzt erst recht werden, Die vorläufige Künstlerliste weist darauf hin. Sie umfaßt knapp 50 Namen, und die allermeisten davon sind auf der documenta 5 (1972) oder der documenta 6 (1977) schon aufgetaucht, in wechselnden Zusammenhängen. Wenn man sie überhaupt unter einem gemeinsamen Gesichtspunkt zusammenfassen kann, so dem, daß sie die jeweiligen Trends oder Stile durchkreuzten oder überlappten, jedenfalls in den ausgegebenen Losungen nicht restlos aufgingen.

Das gilt für Vito Accondi, um alphabetisch zu beginnen, ebenso wie für Franz Erhard Walther. Es gilt für Beuys, Günther Brus, James Lee Byars, Carl Andre und Arnulf Rainer nicht anders als für Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Mario Merz und Lawrence Weiner. Wir greifen diese Namen eher zufällig heraus. Sie können ergänzt werden durch Namen wie Sigmar Polke, Jan Dibhets, Barry Flanagan, Jannis Kounellis und Bruce Nauman.

Bei näherer Betrachtung wird man vielleicht Gruppen ausmachen können: Baselitz, Immendorf, Kiefer, Lüpertz könnten etwa eine bilden. Wesentlich jedoch scheint, daß Rudi Fuchs dort anzusetzen scheint, wo bestimmte künstlerische Haltungen, obschon sie schon eine Weile existieren, in der Gegenwart immer noch nicht angekommen sind. Offenbar will er seine Konzeption von „Vergegenwärtigung“ deshalb auch gegen eine nur oberflächlich verstandene Aktualität schützen. Weniger soll mehr sein, und geprüft soll werden, wovor die Prüfer des Marktes bisher mehr oder weniger versagt haben. L. 0.

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Ware es nach Rudi Fuchs gegangen, wäre die Künstlerliste der d 7 erst bei der Eröffnung der Ausstellung im Juni nächsten Jahres der Offentlichkeit übergeben worden. Gerade weil die Mehrzahl der Namen nicht unbekannt sei, so sagte er in einem Gespräch zum docuntenta-Konzept, sehe er eine Diskussion über die Künstler-Auswahl als nebensächlich an. Seiner Ansicht nach müsse die d 7 den Blick auf das einzelne Werk zurückführen. In einer Zeit, in der es keine klar erkennbaren Stile mehr gebe, in der Kunst-Produktion und -Präsentation scheinbar so leicht geworden seien, müsse man ganz akribisch zeigen, was Künstler wirklich können.

Rudi Fuchs will den Gesichtspunkt der Qualität, der in den Kunstdiskussionen jüngster Zeit häufig unbeachtet geblieben ist, wieder in das Zentrum rücken. Um dies zu erreichen, sollen nicht nur die teilnehmenden Künstler sorgfältig ausgewählt werden, sondern auch die Räume, in denen jeweils ihre Werke gezeigt werden. Die Arbeiten sollen dementsprechend nicht aufgereiht, sondern „würdevoll präsentiert“ werden wie die alten Meister im Schloß Wilhelmshöhe.

Ausgehend von der Behauptung, daß es im gegenwärtigen Kunstgeschehen keine sichtbaren Linien, sondern nur eine Vielzahl von Einzelpositionen gebe, soll innerhalb der Ausstellung die künstlerische Vereinzelung in der Weise überwunden werden, daß die Werke von sich ergänzenden, aber audi widersprechenden Künstlern zusammengebracht werden. Diese Form der argumentativen Ausstellung wird dazu führen, daß die etwa 100 bis 120 Künstler mit bis zu zehn Arbeiten auf der documenta präsent sein werden, wobei die Werke des einzelnen an mehreren Stellen und in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen können. Über die endgültige Form der Konfrontation soll erst entschieden werden, wenn alle Bilder und Objekte in Kassel sind. Die Inszenierung wird so zu einer entscheidenden Aufgabe.

Als Fuchs vor zwei Jahren erstmals seine Vorstellungen zur documenta-Planung skizzierte, sagte er, daß die Aspekte europäischer Kunst eine größere Bedeutung erhalten würden als bei den vorangegangenen documenten und daß der Malerei wieder ein breiterer Raum gebühre. Die Kunstmarkttendenzen der Zwischenzeit sprechen für diesen Ansatz. Jetzt aber glaubt Fuchs, daß die ‚Szene verrückt spiele“, weil jeder gefeiert werde, der nur Pinsel und Farbe zur Hand nehme. Gerade deshalb müsse die documenta das prüfende Bilderlebnis ermöglichen. D. S.

HNA 16. 7. 1981

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