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Gegen sich selbst ankämpfen
Seine mit Eitempera und Öl gemalten Bilder fallen auf, wo auch immer sie hängen: Die Welt steht in diesen Gemälden kopf. Doch wenn Georg Baselitz gegen
die Norm anmalt, will er keine Ideologien verbreiten. Falls der 44jährige Baselitz mit der steten Motiv-Umkehrung überhaupt etwas mitteilen will, dann dies,
daß es weder um das einzelne Motiv geht noch um den Nachweis handwerklicher Könnerschaft. Die Malerei allein - die Farben, Flächen und Farbräume - steht zur Debatte.
Es gab Anfang der 70er Jahre eine Phase, da malte Baselitz so schöne und elegante Bilder von kopfstehenden Figuren und Wäldern, daß man ihn für einen extravaganten Realisten hätte halten können. Der Maler kehrte sich bald aber wieder der Gegenposition zu: rohe, plastische Figuren, die aus aufgewühlten
Farbflächen herauswachsen oder in sie hineintauchen. Diese Figuren haben alles Formschöne abgelegt, erscheinen eckig und archaisch, nur noch Gesten und Haltungen demonstrierend. Gleichzeitig widmete er sich ganz dem Eigenleben der Farbe. Orangenesser Trommler, Straßenszene — das sind Bildmotive, die Baselitz in letzter Zeit mehrfach angegangen ist. In immer neuen Anläufen suchte er den Weg zur intensiven Ursprünglichkeit, zur Einfachheit, bemühte er sich, den klassischen Gesetzen und dem eigenen Harmonie-Streben entgegenzuarbeiten. Mal vollführt das Baselitz in einer Serie von Bildern, dann wieder ist es ein Gemälde, mit dem er sich zyklisch auseinandersetzt, es übermalt, die strengen Formen der Komposition auflöst und farbliche Dissonanzen einfügt. Obwohl die Malweise dieser Bilder heftig und impulsiv erscheint, sind dies keine schnellen, sondern gewachsene Gemälde.
Zur documenta 7 wird Baselitz unter anderem mit seinem Bild „Gelber Trommler“ nach Kassel kommen, auf dem sich eine gelbe Figur gegen eine riesige schwarze Fläche (durch die andere Farben durchscheinen) behaupten muß. Es ist dies die dritte documenta für Baselitz. Während er aber die Beteiligung an der documenta 6 (gemeinsam mit Markus Lupertz) im letzten Augenblick wegen der schlechten Präsentation der Malerei zurückzog, wird er dieses Mal mit besonderem Engagement dabei sein. Denn Rudi Fuchs, der künstlerische Leiter der documenta 7, zählt Baselitz zu den Schlüsselfiguren zeitgenössischer Malerei.
Wie schon die Biennale in Venedig vor zwei Jahren, so hat die documenta-Einladung Georg Baselitz herausgefordert, sich mit einer Skulptur einzulassen. Wer Baselitz‘ Gemälde, aber auch seine großformatigen Linolschnitte aus jüngster Zeit studiert, stößt bald auf einen plastischen Grundzug in diesen Arbeiten. So überraschen weder der Sprung in das räumliche Arbeiten noch die Ungeschlachtheit der Skulpturen. Noch mehr als in der Malerei bedeutet für Baselitz die Auseinandersetzung mit der Holzskulptur einen Kampf mit und gegen sich selbst. Gerade weil diese Schnitzarbeit ihm keine Luft zum Malen läßt, weil er sich immer wieder zu ihr zwingen muß und weil jeder Schnitt unkorrigierbar ist, fesselt sie ihn auch.
Derzeit setzt er sich mit einer Lindenholz-Skulptur auseinander: die Figur eines Stehenden, deren runder, kugeliger Körper auf langen, dünnen, gespreizten Beinen stehen soll. In einem ehemaligen Küchenraum des faszinierend weitläufigen Derneburger Schlosses (bei Hildesheim), in dem Baselitz residiert, watet man durch Holzspäne, wenn man sich der gut drei Meter hohen Skulptur nähert. Sie ist halb fertig; der Künstler ist sich unschlüssig, ob es ihm gelingt, jene archaische, grafische (anti-klassische) Form zu erreichen, die er in Skizzen projiziert hat. Nur wenn es gelingt, soll die Skulptur auch in Kassel gezeigt werden.
Selbst wenn man einkalkuliert, daß die Selbstzweifel auch ein wenig spielerisch gemeint sind, ist klar, was Baselitz anstrebt: Ihm sind vor allem die afrikanischen Plastiken Vorbild - er führt sie dem Besucher wie eigene Werke vor -‚ Plastiken voller Kraft, Klarheit und Sinnlichkeit. Aber auch indem Baselitz diese Formsprache aufnimmt, setzt er sich von ihr ab.
HNA 17. 4. 1982
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