„Nur persönliche Eitelkeiten“

Nachdem Kulturdezernentin Schleier am Freitag im documenta-Streit vor die Presse gegangen war, berief nun gestern die documenta- Führung ihrerseits eine Pressekonferenz ein.

Der Ort war gut gewählt. Man hatte die Presse ins „Allerheiligste“ geladen, in die Rotunde des Museums Fridericianum, dahin also, wo bisher fast jede documenta eines ihrer zentralen Werke ausgestellt hat. Die drei, die vorn am Podium saßen, waren also sozusagen zu Hause: documenta-Leiterin Catherine David, der Aufsichtsratsvorsitzende Oberbürgermeister Georg Lewandowski und Geschäftsführer Roman Soukup. So begrüßte denn auch Lewandowski mit jovialem Lächeln „unsere künstlerische Leiterin“.

Die Pressekonferenz sollte der Klarstellung und Versachlichung dienen. Sie war eine Antwort auf die Pressekonferenz, zu der Kulturdezernentin Irmgard Schleier am Freitag spontan ins Rathaus geladen hatte. Daß Irmgard Schleier bei dieser Vertrauensbekundung außen vor blieb, hatte nicht nur damit zu tun, daß sie sich derzeit im Ausland aufhält: Die meisten Aussagen, die sich auf den Kompetenzstreit zwischen der Kulturdezernentin und dem documenta-Geschäftsführer bezogen, zielten gestern gegen Irmgard Schleier.

In der Beziehung fanden sowohl Lewandowski als auch David klare Worte. Der Oberbürgermeister sah als Anlaß für einen Streit keine inhaltlichen Gründe, sondern „nur persönliche Eitelkeiten“. Er übe keine Aufsichtspflicht gegenüber der Kulturdezernentin aus. Ihre Entscheidung, sich aus dem documenta-Aufsichtsrat zurückuziehen, nannte er überzogen. Bleibe sie dabei, müsse die SPD-Fraktion ein neues Aufsichtsratsmitglied benennen.

Ebenso unmißverständlich äußerte sich documenta-Leitein Catherine David. Indem sie meinte, weder sie noch Soukup seien Angestellte des Kulturdezernats, brachte sie klar zum Ausdruck, daß sie in der bisherigen Politik der Dezernentin doch Einmischungsversuche sieht.

Das Problem Ottoneum schrumpfte während dieser Pressekonferenz zur Kleinigkeit. Georg Lewandowski hatte zu Beginn unterstrichen, daß die documenta das Recht habe, das Gebäude für ihre Zwecke zu nutzen, daß aber auch die Belange des Naturkundemuseums berücksichtigt werden müßten.
Catherine David stellte jedoch die Maximalforderung, das ganze Ottoneum leer für die documenta zu bekommen, gar nicht mehr. Sie könne sich mit dem 1. und 2. Stock des Ottoneums begnügen, wenn sie in diesen Räumen freie Gestaltungsmöglichkeiten habe.

Kommentar

Zur rechten Zeit

Natürlich war die Bemerkung des documenta-Aufsichtsratsvorsitzenden Lewandowski, die gestrige Pressekonferenz sei seit langem geplant und habe nur zusätzliche Aktualität gefunden, nicht zutreffend. Im Augenblick stand niemandem, am wenigsten der documenta-Leiterin, der Sinn nach einem öffentlichen Auftritt. Daß er trotzdem erfolgte, war richtig und notwendig.

Die Pressekonferenz fand zur rechten Zeit und mit dem notwendigen Nachdruck statt. Mag sein, daß mancher gehofft hatte, in dem entstandenen Wirbel müsse auch documenta-Geschäftsführer Roman Soukup seinen Platz räumen, oder Catherine David werde Kassel gar die kalte Schulter zeigen. Doch jetzt sind erst einmal alle diese Spekulationen hinfällig. Dies gilt umso mehr, als die gestrige Pressekonferenz bewies, daß es im Grunde keine sachlichen Streitpunkte, sondern nur persönliche Eintrübungen gab. Jetzt kann die Ruhe wieder einkehren, die Catherine David für ihre Arbeit reklamiert.

Daß der Aufsichtsratsvorsitzende der künstlerischen Leiterin das uneingeschränkte Vertrauen aussprach, war selbstverständlich. Weit wichtiger waren die Signale, die Catherine David aussandte. Sie gab sich selbstbewußt und ließ nicht den geringsten Zweifel daran, daß sie allein das künstlerische Konzept entwickeln und verantworten will. Die Klarheit und die Zuversicht, die sie an den Tag legte, waren angesichts der Verunsicherung wohltuend. Mit diesem Auftritt bestätigte Catherine David, daß sie auch Turbulenzen überstehen kann.

HNA 9. 3. 1995

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