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Auf dem Weg zur Nominierung
Entscheidung schon im März?
Nach der ersten Beratungsrunde der achtköpfigen internationalen Findungskommission ist die documenta-Geschäftsführung zuversichtlich, daß beim zweiten Gesprächstermin im März der künstlerische Leiter für die documenta 10 (1987) nominiert werden kann. Die Kommission habe, so der Eindruck, sehr schnell zu einem ernsthaften Gespräch gefunden und zuerst konzeptionelle Fragen erörtert. Das Gremium zeigte sich von der „vitalen Energie der zeitgenössischen Kunst“ überzeugt und sieht daher gute Grundlagen für die Planung der nächsten Kunstschau in Kassel. In die Beratungen wurden die vorliegenden
Bewerbungen unter anderem von Harald Szeemann (Leiter der documenta 5), Prof. Kasper König (Rektor der Städelschule Frankfurt) und Germano Celant (Mitarbeiter der documenta 7) einbezogen. Andere Vorschläge werden ebenfalls geprüft.
Der documenta-Aufsichtsrat soll am 11. Februar über die Nachfolge von Alexander Farenholtz entscheiden, der bis Ende 1993 documenta-Geschäftsführer war. Außerdem soll dann geregelt werden, ob und wie Bilder aus der Gemäldegalerie während der Sanierung von Schloß Wilhelmshöhe in das Fridericianum ausgelagert werden können.
HNA 18. 1. 1994
documenta ist gesichert
Trotz aller Kürzungen: Der Fortbestand von documenta, Stadtteilbibliotheken und Volkshochschule ist gesichert. Folgende Sparrnaßnahmen des besonders stark betroffenen Kulturbereichs wurden festgeschrieben:
Staatstheater: Die Stadt will ihren Beitrag zur Theaterfinanzierung bis 1997 stufenweise von 22 Millionen auf 17 Millionen Mark senken. Da das Land darauf beharrt, nicht mehr als 52 Prozent des Etats zu tragen, würde es seine Zuschüsse in gleicher Weise mindern. Das Theater muß also mit einer realen Kürzung von knapp elf Millionen Mark rechnen.
documenta GmbH: Der ursprüngliche Kürzungsansatz wurde für 1994 und 1995 um die Hälfte reduziert. Nach Einschätzung aller Verantwortlichen ist dadurch die Anschubfinanzierung der documenta 10 (1997) nicht gefährdet.
Oberbürgermeister Lewandowski erklärte auch, daß es dumm und töricht wäre, die documenta in Frage zu stellen. Die vereinbarte Kürzung der Zuschüsse um 100000 Mark (1994), 250 000 Mark (1995) und 500 000 Mark (1996 und 1997) geht erst einmal zu Lasten der Kunsthalle Museum Fridericianum.
Der noch amtierende Geschäftsführer Alexander Farenholtz meint allerdings, daß damit die Kunsthalle (auch gestützt auf Sponsoren-Projekte) überwintern könne.
Stadtbibliothek: Durch höhere Gebühren soll die Stadtbibliothek ihre Einnahmen verbessern (150 000 Mark). Von Kürzungen wurde abgesehen, so daß der Fortbestand der Stadtteilbibliotheken gesichert ist.
Volkshochschule: Das Ansinnen an die Volkshochschule, über die kalkulierte Einsparsumme von 800 000 Mark hinaus eine Million Mark einzusparen, wurde zurückgenommen. Jetzt soll (und will) sich die Volkshochschule bemühen, zusätzlich auf 200 000 Mark an städtischen Zuschüssen zu verzichten. Dadurch wird der Bestand nicht gefährdet.
HNA 8. 3. 1994
Kasper König – nicht eindeutig
Ganz zum Schluß der Veranstaltung kam man dann doch auf den Punkt, auf den sicherlich die meisten Besucher fixiert waren, der aber mehr als zweieinhalb Stunden gemieden worden war: Wie hält es Prof. Kasper König mit der documenta und war der Rektor der Frankfurter Städelschule - wie weiland Jan Hoet - vom Kasseler Kunstverein zu einem Vortrag eingeladen worden, um Rückenwind für das Rennen um die nächste documenta-Leitung zu erhalten? Der sonst beredte Ausstellungsmacher König erklärte zwar eindeutig, seine Einladung habe nichts mit der documenta zu tun, wirkte aber doch reichlich verlegen. Zur weiteren Notwendigkeit der documenta äußerte er sich nicht eindeutig, ließ aber durchblicken, daß ihn die Ausstellung wohl interessiere.
König hatte seinen Vortrag unter den Titel „Das alltägliche Geschäft der Ausstellung“ gestellt. Wer allgemeine Erklärungen erwartet hatte, sah sich getäuscht. Er plauderte vielmehr anhand einiger Dias über die Ausstellungsprojekte, die ihn bekannt gemacht haben:
Die beiden Skulpturen-Ausstellungen in Münster, „Westkunst“ in Köln, „von hier aus“ in Düsseldorf und die Reihe seiner Frankfurter „Portikus“-Ausstellungen. Die interessantesten Aspekte dieser Erinnerungsreise waren die Hinweise auf die jeweiligen lokalen Motive, solche Ausstellungen aufzuziehen, und auf die kulturpolitischen Reibungsflächen.
Es wurde klar, daß der kleine „Portikus“ in Frankfurt zu einem Modell für dichte Kunstpräsentationen geworden ist. Allerdings wurde auch einsichtig, daß König für dieses Projekt - auf die Quadratmeter bezogen - ein Vielfaches des Etats zur Verfügung steht, der dem Fridericianum als Kunsthalle bewilligt worden ist.
HNA 6. 11. 1993
Konzept oder Namen?
Das Jahr 1997 liegt noch in weiter Ferne, und angesichts der schmerzlichen Kulturkürzungen mag man gar nicht an ein millionenschweres Ausstellungsprojekt wie die documenta 10 in Kassel denken. Gleichwohl drängt die Zeit: Jan Hoet, der künstlerische Leiter der vorigen documenta, war im Januar 1989 ausgeguckt worden, also dreieinhalb Jahre vor dem Eröffnungstermin; die Zeitspanne war nicht zu üppig.
Die Hoffnung nun, man könnte demjenigen, der die nächste documenta zu organisieren hat, einen ähnlich langen Vorlauf gewähren, ist wohl vergeblich: Die achtköpfige Findungskommission ist so hochrangig und international besetzt, daß sie erstmals überhaupt im Januar nächsten Jahres tagen kann. So wird es schon noch einige Zeit dauern, bis der Name verkündet wird.
Das Kuriose an der Situation ist, daß es im Vorfeld keiner documenta so frühzeitig Spekulationen um den Namen gegeben hat wie in diesem Fall. Der Frankfurter Ausstellungsmacher und Direktor der Städelschule, Kasper König, wurde als erster ins Rennen geschickt. Dabei war allerdings nicht auszumachen, welche Motive dahinter standen. Sollten andere erst gar keine Chancen bekommen oder war hinterlistig der Früh- als Feh1start geplant?
Noch häufiger ist allerdings zu hören, nun endlich müsse eine Frau zur docurnenta-Leiterin bestellt werden. Die Zeitschrift „art“ präsentiert nun zum wiederholten Male Suzanne Page, die Direktorin des (städtischen) Pariser Museums für moderne Kunst.
Zum Glück ist die Findungskommission, was die Geschlechterfrage angeht, paritätisch besetzt. So kann es also nicht passieren, daß eine Männerrunde eine Alibi-Kandidatin kürt. Die Sachentscheidung muß Vorrang haben. Aber vielleicht ist erst einmal der Name der documenta-Leiterin oder des -Leiters gar nicht so wichtig, sondern müßte angesichts eines überdrehten Ausstellungsbooms zuerst über das zeitgemäße Konzept einer documenta nachgedacht werden. Gewiß ist doch, daß die Weltkunstschau inhaltlich nur dann überleben kann, wenn sie aus dem Kreislauf der Rekorde ausbricht. Wie wäre es denn, um nur ein Beispiel zu nennen, wenn wirklich einmal der immer wieder vorgetragene Plan realisiert würde, die documenta von ihren Ausuferungen zu befreien und als die Schaü der 40 oder 50 Künstler zu organisieren?
HNA 3. 11. 1993
Kommission für documenta 10
Der documenta-Aufsichtsrat hat gestern die Weichen für die Vorbereitung der documenta 10 (1997) gestellt. Es wurde eine achtköpfige Findungskommission berufen, der erstsmals gleich viele Frauen und Männer angehören: Jean- Christoph Ammann (Museum für Moderne Kunst, Frankfurt), Ida Gianelli (Castello di Rivoli, Turin), Antje von Graevenitz (Kunsthistorikerin, Köln), Kathy Halbreich (Walker Art Center, Minneapolis), Donald Kuspit (Kunsthistoriker, New York), Günter Metken (Kunsthistoriker, Paris), Nicolas Serota (Tate Gallery, London) und Vita Regina Wyrwoll (Goethe-Institut, München). Die Findungskommission soll möglichst noch im Oktober erstmals beraten und dabei über konzeptionelle Anforderungen diskutieren.
HNA 23. 9. 1993
Farenholtz geht nach Stuttgart
Nach rund viereinhalbjähriger Tätigkeit als Geschäftsführer der „documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs GmbH“ wird Alexander Farenholtz (38) im November Kassel verlassen, um in Stuttgart im Ministerium für Kunst und Familie die Leitung der Zentralabteilung zu übernehmen. Farenholtz, der zuvor persön- licher Referent des Oberbürgermeisters in Pforzheim gewesen war, wurde im Januar 1989 als erster hauptamtlicher documenta-Geschäftsführer berufen.
In dieser Funktion hat er neben der documenta die Verwaltung der Kunsthalle im Museum Fridericianum und (seit vorigem Jahr) der documenta-Halle
mitzubetreuen. Die von Farenholtz organisatorisch verantwortete documenta 9 hatte mit einem Rekordetat von rund 19 Millionen Mark abgeschlossen. Obwohl der Etatrahmen von 15,6 Millionen Mark deutlich überschritten wurde, konnten die Mehrausgaben durch höhere Einnahmen (Eintrittskarten, Katalogverkauf, Sponsorengelder) gedeckt werden.
Nach wie vor offen ist, ob Kunsthallen-Leiter Dr. Veit Loers ebenfalls Kassel verlässt. Wie berichtet, ist Loers der
Wunschkandidat von Frankfurts Kulturdezernentin Linda Reisch als neuer Direktor der Schirn-Kunsthalle. Da aber erst mit der Verabschiedung des Frankfurter Etats für 1994 im November entschieden wird, ob die Schirn als eigenständiges und finanziell gut ausgestattetes Ausstellungszentrum erhalten bleibt oder ob sie nur noch als ein Ort für Wechselausstellungen der Museen dienen soll, hält sich Loers seinerseits bis dahin die Entscheidung offen.
HNA 21. 9. 1993
Die Königsmacher
Vor fast genau einem Jahr begann in Kassel die documenta IX als eine Kunstschau der Rekorde. Von vielen Kritikern wurde sie als Spektakel abgetan, und mehr als einmal wurde die Frage gestellt, ob sich die documentaIdee nicht überlebt habe.
Wenn man aber in diesen Wochen Zeitschriften und überregionale Zeitungen durchblättert, dann ist von dem Abgesang auf die documenta als Institution kaum mehr etwas zu spüren. Im Gegenteil, fast scheint es so, als gebe es im Moment keine dringlichere Frage als die, wer denn die nächste documenta künstlerisch leiten solle. Nicht nur das: Es entsteht der Eindruck, als befände sich der von der Stadt Kassel und dem Land Hessen getragene Aufsichtsrat mitten im Findungsprozeß.
Namen schwirren durch den Raum. Harald Szeemann, der ewige Favorit einiger Kunstliebhaber, ist natürlich dabei. Und Katharina Schmidt, die gerade vom Kunstmuseum in Bonn nach Basel gewechselt ist - zum wiederholten Male und weil die documenta nun mal von einer Frau geleitet werden solle. Die Kunstzeitschrift „art“ brachte die Leiterin des „Musé d‘Art Moderne de la Ville“ in Paris, Suzanne Pagé, ins Gespräch, und im „Spiegel“ klang es so, als könne der
Direktor der Frankfurter Städelschule, Kasper König, in der Mainmetropole gar keine Termine mehr wahrnehmen, weil er auf dem Sprung nach Kassel sei. Selbst Peter Iden von der „Frankfurter Rundschau“, für den die documenta eigentlich längst tot ist, spricht von einer Bewerbung Königs um die documenta-Leitung.
Der Haken an der Geschichte nur ist, daß die Gremien, deren Sache die Kandidatenauswahl wäre, in dieser Angelegenheit noch gar nicht getagt haben. Der Aufsichtsrat ist im Moment noch gar nichts aktionsfähig, weil aufgrund der ungeklärten kommunalpolitischen Verhältnisse in Kassel offen ist, wer als Oberbürgermeister an seine Spitze tritt, also ist auch noch keine Strategie zur documenta-Macher-Suche entwickelt und schon gar keine Findungskommission berufen.
Folglich haben wir es mit höchst voreiligen Königsmachern zu tun, wie es so schön in Anspielung auf den einen Kandidaten heißt. Im Moment bestehen die vergebenen Kronen nur aus heißer Luft. Und es ist sorgfältig zu prüfen, welche Nennungen einzelne Kandidaten wirklich nach vorn bringen und welche nur zum vorzeitigen Verschleiß führen sollen. Schließlich geht es hier auch um Politik.
HNA 9. 6. 1993
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