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Ausstellung entlang einer Achse
In einer Pressekonferenz in der documenta-Halle hat Catherine David ihre Herangehensweise an die Ausstellung geschildert und ihr Team sowie das Logo der documenta X (1997) vorgestellt.
Die ersten Konturen ihrer für 1997 geplanten Ausstellung hat die künstlerische Leiterin der documenta, Catherine David, gestern in Kassel skizziert Die Ausstellung, so unterstrich die Französin, wird spartenübergreifend konzipiert. Sie will alle Arten von Kunst, die denkbar sind, insbesondere Film, neue Medien, Theater und Musik einbeziehen, um erlebbar zu machen, wo und wie künstlerische Kräfte zu neuen Impulsen gelangen. Die documenta werde allerdings nicht die Existenz der neuen Medien rechtfertigen, sondern aufzeigen, wie Künst1er sie nutzen.
Da nun auch die zentralen Orte der documenta X feststehen, konnte Catherine David den Rundgang skizzieren: Er wird am alten Hauptbahnhof am Rande der Innenstadt beginnen und über Museum Fridericianum, Ottoneum und documenta-Halle zur Orangerie führen. So ergibt sich eine gerade documenta-Achse, entlang der die Besucher vom 21. Juni bis 28. September 1997 wandern werden.
Der Hauptbahnhof, der bis zum November zum Kulturbahnhof ausgebaut werden soll, wird erstmals documenta-Standort. Im dortigen Kino wird (in Zusammenarbeit mit dem Filmladen) das Filmprogramm laufen, dem die Französin einen hohen Stellenwert beimißt. Auch werde dort auf 1000 Quadratmetern vieles gezeigt, was virtuell künstlerisch möglich ist.
Das Museum Fridericianum ist als Ort der Ruhe und des Friedens gedacht. In ihm sollen Werke zu sehen sein, die Konzentration erfordern, Allerdings wären auch Dialog-Konstellationen möglich. Im Ottoneum (Naturkundemuseum), das derzeit saniert wird, erhält die documenta zwei von drei Etagen für kontroverse Diskussionen über die Kunst, aber auch für Ironisches.
Die von der documenta-Leiterin wenig geliebte documenta-Halle soll insbesondere für die Präsentation von audiovisueller Kunst genutzt werden.
Am Ende der Achse stehen der documenta 300 Quadratmeter in der Orangerie zur Verfügung. Dort soll der Rundgang seinen tönenden Abschluß finden. Für den Gang von Ort zu Ort will Catherine David Überleitungen schaffen, die auch aus außen installierten Werken bestehen können.
Die documenta als eine Ausstellung, für die man durch die Welt reist, um Bilder und Skulpturen einzusammeln und dann in Kassel auszustellen, ist für Catherine David überholt. Gleichwohl sieht sie auch für die Zukunft eine Existenzberechtigung der documenta. Sie bleibe ein großes deutsches und internationales Kulturereignis, vorausgesetzt, man verzichtet darauf, sie als einen Ort der Information über Kunst zu begreifen. Informationsmöglichkeiten gebe es zur Genüge. Deshalb müsse man die documenta als Ort verstehen, an dem Fragen an die Kunst und die Welt gestellt werden und an dem das Entstehen von Kunst anschaulich gemacht wird.
Catherine David ließ sich nicht darauf ein, erste Künstlernamen zu nennen. Stattdessen schilderte sie die Überlegungen und Fragen, mit denen sie an die Ausstellungsplanung herangeht. Sie entwarf das Bild einer komplexen und schwierigen Welt, die auch die Kunst vor neue Herausforderungen stellt: Werbung, neue Medien und Konsum auf der einen Seite, Konflikte, Flüchtlingsströme und der Zerfall der Städte auf der anderen. Catherine David begreift die Kunst als einen Teil dieser Welt. Mit Nachdruck wies sie Überlegungen zurück, Künstler unter nationalen Gesichtspunkten einzuladen; auch will sie außereuropäische Künstler nicht als „Exoten“ herholen, sondern dann, wenn sie im Prozeß der Modernität wichtig sind.
Kommentar
Unbeirrter Gang
In die Stille, die Catherine David für ihre Ausstellungsplanung sucht, wurde immer wieder Unruhe hineingetragen. Jan Hoet war wegen seiner Showauftritte viel gescholten worden. Aber die verlangte Ruhe können viele nun auch nicht ertragen. Also hatten Spekulationen und Intrigen Konjunktur.
Doch Catherine David ließ sich nicht beirren. Sie trat beim Pressegespräch keine panische Flucht nach vorn an, sondern blieb ihrem eingeschlagenen Weg treu: In
weiten Bögen kreiste sie das Feld ein, auf dem sie arbeitet. Sie ließ die Zuhörer an ihren Fragestellungen und Überlegungen teilhaben, um so den Weg zu weisen, auf dem sich die anderen erst einmal gedanklich bewegen sollen.
Diese Heranführung spricht ebenso für Klarheit und Entschiedenheit wie die Art und Weise, in der sie ihr bisher vorwiegend weibliches Team aufbaut und wie sie bestimmte Fragen übergeht oder nicht an sich herankommen läßt.
Diese Entschiedenheit garantiert noch keine erfolgreiche Ausstellung. Doch drei Dinge sind klar geworden:
Catherine David weiß um die Sonderrolle der documenta in der Ausstellungswelt und will diese fördern; die nächste documenta wird eine ganz neue Erweiterung des Kunstbegriffs bescheren; und sie wird mit ihrer Öffnung zu den anderen Künsten der Ursprungsidee von Arnold Bode überraschend nahe kommen.
HNA 6. 10. 1995
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