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Die Kunst auf neuen Feldern
Was ist nach der ersten Pressekonferenz von der documenta X im Jahre 1997 zu erwarten? Und wie ist die Herangehensweise zu verstehen?
Das Logo der documenta X ist simpel, mehrdeutig und provokativ. Viele, die das Logo unvorbereitet sehen, fragen: Wird die documenta gestrichen, findet sie nicht statt? In der Tat ähnelt die rote römische Zehn einem Kreuz, mit dem etwas getilgt wird.
Als die Entscheidung für das Logo fiel, muß diese Fehldeutung mit in Kauf genommen worden sein. Natürlich findet die documenta statt. Zweifel sollten nicht gestreut werden. Im Gegenteil, das klassische „d“, das für die Kasseler Ausstellung steht, so sieht man es im documenta-Büro, wird dick angekreuzt, was heißt: diesen Termin muß man sich merken. Fest steht immerhin, daß das Logo, ob es einem gefällt oder nicht, erst einmal seinen Zweck erfüllt und sich einprägt.
Aber vielleicht ist die Idee mit dem durchgestrichenen „d“ gar nicht so schlecht, weil, wie documenta-Leiterin Catherine David angekündigt hat, die documenta X Abschied nehmen soll von der klassischen Großausstellung. Der Platz wird behauptet, doch die Rolle ändert sich: Keine von Gemälden und Skulpturen dominierte Übersichtsausstellung, sondern ein künstlerisches Ereignis, bei dem die kreativen Energien der Zeit gebündelt werden.
Da trifft sich die perspektivisch denkende Catherine David mit dem „konservativen“ früheren Direktor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Werner Schmalenbach, der Mitte der Woche bei einer documenta- Diskussion fragte, ob sich nicht die schöpferischen Kräfte unserer Zeit außerhalb der traditionellen Kunstformen äußerten. Eine berechtigte Frage, deren Beantwortung möglicherweise zu einem überraschenden Kreisschluß führt. Denn als Arnold Bode die ersten Konzeptpapiere zur documenta von 1955 entwarf, schwebte ihm ein Kunstereignis vor, an dem auch Film, Theater, Musik und Architektur teilhaben sollten.
Setzt man voraus, daß Kunst kein Selbstzweck ist und nicht bloß die unersättlichen Bedürfnisse des Kunstmarktes befriedigt werden soll, dann ist der Ansatz völlig richtig, danach zu fragen, wo sich innerhalb der visuellen Welt jetzt die wahrhaft kreativen Kräfte bewegen. Denn die Unterstellung, daß jeder, der heute etwas bildnerisch ausdrücken wolle, zum Pinsel, zum Stift oder zum Meißel greife, ist sicherlich überholt.
Schon mehrere docurnenten haben den Versuch unternommen, Medien wie Film und Video einzubeziehen. Doch wenn
die Ausstellung so wird, wie sie Catherine David skizziert hat, wird sie zu einer großen intermedialen Schau, bei der allerdings nicht das Spektakel überwiegt, sondern der Zwang zur Konzentration und Stille vorherrscht. Das Laute ist nicht gefragt; ob folglich auch das sinnliche Element zurückgedrängt wird, läßt sich nicht abschätzen.
Mit ihrem Hang zur Stille setzt sich Catherine David bewußt von dem ab, was 1992 ihr Vorgänger Jan Hoet gemacht hat. Trotzdem ist die Art ihrer öffentlich vermittelten Annäherung Hoets Methode ähnlich. Zwar bombardierte Hoet sein Publikum mit Dias und Namen, doch er tat es nicht, um zu informieren, sondern um zu zeigen, wie aus dem Chaos eine Ausstellung herauszudestillieren ist. Damit beschrieb er seine eigene Annäherung an die documenta. Catherine David nun nennt keine Namen, aber in philosophisch-theoretischen Rundläufen kreist sie systematisch ihre künftige Ausstellung ein. Auch die Ansetzung von Diskussionsrunden an verschiedenen Orten, unterstützt durch die Herausgabe von „Working Papers“ (Diskussionspapieren), ähnelt Hoets Vorgehensweise. Das Resultat aber wird ein völlig anderes.
HNA 7. 10. 1995
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