documenta-Träume

Es hat Jahre gedauert, bis man begriff, daß die documenta nicht bloß ein elitäres Kunstereignis ist, sondern auch als ein dicker Pluspunkt für die heimische Wirtschaft zu verbuchen ist. Also ist es folgerichtig, daß sich mittlerweile nicht nur Kunstkritiker Sorgen um das Wohl der documenta machen, sondern auch die Gastronomen und der Verkehrsverein.

Jeder hat das Recht auf seine eigenen documenta-Träume. Wenn aber Prof. Arnim Töpfer für den Verkehrsverein an den Oberbürgermeister schreibt, er möge bei der Beratung des documenta-Konzepts die Belange des Handels, der Hotellerie und der Gastronomie berücksichtigen und damit verhindern, daß die documenta von 1997 bloß eine „künstlerisch hochstehende und sehr interessante Ausstellung“ werde, dann wird die Sache total auf den Kopf gestellt: Die documenta
wurde für Kassel und die Kunstwelt nur deshalb zum Ereignis, weil sie künstlerisch anspruchsvoll war. Der gastronomische Erfolg war ein Nebeneffekt. Würden nun also die Bedingungen umgedreht, die wirtschaftlichen Gesichtspunkte zu Kriterien für das Konzept, geriete die documenta zum großen Kultur-Stadtfest und wäre damit für die Kunstwelt gestorben Das heißt: Nur der hochgesteckte Anspruch der documenta garantiert auch den touristischen Erfolg.

Das Geheimnis der documenta ist offenbar noch gar nicht verstanden worden – auch nicht von Kunstfreunden von außerhalb. Wie sonst wäre zu erklären, daß der „Informationsdienst Kunst“ aufgrund normaler Entscheidungsabläufe Stimmung zu machen versucht gegen die documenta-Gremien und Catherine David.

HNA 6. 9. 1995

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