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Geld und Spiele
Wenn ein Mann, der sich seinen guten Namen als Dramaturg, Regisseur und Schauspieldirektor erworben hat, die Sparte wechselt, um Geschäftsführer der documenta zu werden, dann läßt sich herrlich witzeln und spekulieren: Nun ginge das Theater erst richtig los. Oder:
Jetzt werde also Bernd Leifeld Catherine David und die documenta in Szene setzen.
Aber die Späße erschöpfen sich schnell, weil alle wissen (und der aus Basel gerufene neue Geschäftsführer ganz besonders), daß die documenta in den nächsten Wochen und Monaten alles gebrauchen kann - nur kein weiteres Theater. Die drei Akte, die in diesem Jahr über die Kunstbühne gingen, haben das Unternehmen genug beschädigt. Daß jede Art von Publicity den Ruf fördere, können nur die behaupten, denen die Inhalte egal sind. Leifeld aber steht, soweit man ihn aus seiner Kasseler Zeit kennt, für die Inhalte und für die solide, dienende Arbeit.
Vielleicht ist der neue Geschäftsführer das genaue Gegenstück zu seinem Vorgänger Roman Soukup, mit dem documenta-Leiterin Catherme David am Ende nicht mehr zurecht kam. Denn Soukup ist ein Mann der großen Gesten und Inszenierungen. Immer wieder Ereignisse („events“) und schöne Feiern zu schaffen, lag ihm im Sinn. Das publikumswirksame „Frühstück mit Brassai“ im Fridericianum ist noch in bester Erinnerung. Aber das Begrüßungsfest für Catherine David entsprach schon gar nicht dem Stil, den die documenta-Leiterin bevorzugt.
Kein Zweifel: Soukup war erfindungsreich. Und seine Idee, einen Weltkonzern wie Sony dazu zu bringen, documenta-Kunst zu sammeln, auf diese Weise fernab der in Kassel organisierten Ausstellung mit dem documenta-Namen zu werben und dann noch 2,5 Millionen Mark zur freien Verfügung draufzulegen, hat etwas Verführerisches. Würde das nicht den Ruhm der Ausstellung mehren und die Kunstschau mit einem Schlag aus der finanziellen Enge befreien? Wer könnte dem widerstehen?
Die documenta braucht Sponsoren, aber sie ist mit ihrer Basis-Finanzierung zum Glück nicht auf sie angewiesen. So bleibt der Freiraum, auch die Folgen der Verführung zu bedenken: Was hätte das für Konsequenzen, wenn für alle Zeiten der documenta-Name an Sony verkauft würde und außerhalb Kassels quasi ein documenta-Museum entstünde? Würde dann nicht die Sammhing die Ausstellung verdrängen können? Auch Catherine Davids Haltung ist verständlich, daß sie eine solche Kollektion, die alle documenten spiegeln sollte, nicht ohne ihre Vorgänger zusammenstellen wollte.
Ob die documenta-Leitung in Detailfragen taktisch unklug vorgegangen ist und damit das große Geld verspielt hat, kann hier nicht beantwortet werden. Gewiß ist nur, daß es in diesem Fall um einen Plan ging, dessen Auswirkungen alle künftigen documenten betroffen hätten. Es ging also um mehr als 2,5 Millionen Mark. Vielleicht meint auch deshalb die Kölner Sony-Zentrale, das Konzept sei für sie nie mehr als eine Idee dritter gewesen.
HNA 28. 10. 1995
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