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Der tiefe Sturz der Quadriga
Das Brandenburger Tor in Berlin ist zu dem Symbol deutscher Einheit und Teilung zugleich geworden. Es ist zwar für beide Teile Berlins weithin sichtbar, kann aber seit Jahren weder vom Osten noch vom Westen aus erreicht werden: Die Westberliner trennt die Mauer, die Ostberliner werden durch die Sicherheitsabsperrung zur Mauer hin zurückgehalten. Es steht also auf einer Insel, im Niemandsland.
Der Düsseldorfer Maler Jörg Immendorff (Jahrgang 1945) sieht diese Situation in voller Schärfe als ein weit über die Grenzen Deutschlands bedeutsames Symptom. In seiner Serie „Café Deutschland“, aus der drei Beispiele in der documenta 7 zu sehen sind, hat er diese Situation in immer neuen Anläufen zu verbildlichen versucht.
Es sind kraftvolle Bilder vol1er Aktion, in denen mit vulgär-realistischen Mitteln Bühnenräume entworfen werden, in denen einzelne Requisiten immer wieder auftauchen: der zerfledderte (Bundes-)Adler, das zum Geschützturm mit Soldaten verformte DDR-Emblem aus Hammer und Zirkel, der Volkspolizist und die heruntergekommenen Idole des Sozialismus, das Brandenburger Tor selbst und die Eisscholle als Sinnbild der verkrusteten und erkalteten Insel Deutschland (Berlin).
In diesen Café-Landschaften herrscht eine ständige Unruhe, trotz der Erstarrung scheint alles im chaotischen Umbruch; Szenenwechsel ist Programm und doch bleiben die Zustände gleich. In den Bildern stößt man häufig auf Elemente, die die Kraft und das Volumen von Skulpturen haben - die Eisscholle, der Adler, der Geschützturm und das von Säulen getragene Dach, das Tor also: Ein Maler denkt über die Skulptur nach und spielt mit ihr.
Die 4,50 Meter lange und 3,80 Meter hohe Bronze-Skulptur, die nun als documenta-Signal vor dem Kasseler Museum Fridericianum steht, ist ganz zielstrebig aus dieser Malerei entwickelt worden; ein Motiv hat sich aus der Bildebene gelöst und hat im Raum zu massiver Gestalt gefunden. Die die Malerei bestimmende Dynamik ist hier ebenso spürbar wie die dunkle, etwas schmierige Farbigkeit. Nur selten gelingt der Übergang aus der Fläche in den Raum so nahtlos und überzeugend wie in diesem Fall.
Noch mehr überrascht allerdings, daß Immendorffs gewagter Versuch, einem Bauwerk ein allegorisches Denkmal zu setzen, zum Erfolg geführt hat. Denn dieses die deutsche Situation interpretierende Brandenburger Tor ist ein Gegenentwurf zu der klaren, ruhigen, klassischen Form, eine gefühlsstarke Absage: wie das tatsächliche Tor isoliert ist, so ist die alte Form tot; die Quadriga auf dem Tordach hat einen tiefen Sturz getan; und doch wird zugleich an einem neuen Tor gearbeitet.
Die Skulptur mit ihren fünf Säulen ist in ihrer Bauweise klar zu entschlüsseln (von links): das zum Geschützturm verformte DDR-Emblem; ein Wachtturm (mit einem Vopo), auf den sich ein Paar geflüchtet hat; die Reste der gestürzten Quadriga drei Pferde um einen Knochen laufend, der für das fehlende vierte Pferd steht; der Malerpinsel als Fragezeichen für die unbeantwortete deutsche (Welt-)Frage; der von einer Schlange gewürgte, quer stehende Adler; und darüber die Eisscholle als Sinnbild der vereisten Insel mit einer Trommel und den „Systemzwingen“ Ost und West.
Je mehr man sich in diese in sich geschlossene Bildsprache zu der aktuellen politischen Problematik vertieft, desto lebendiger und bewegter werden die Elemente der Skulptur. Die Starrheit der bemalten Bronze scheint sich aufzulösen.
Die Skulptur kommt nach Ende der documenta 7 für einige Zeit nach Berlin, bevor sie im Herbst nächsten Jahres anläßlich einer großen Immendorff-Ausstellung in Zürich gezeigt wird
HNA 10. 7. 1982
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