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Und immer wieder Hamburger
Zu den schönsten und amüsantesten Arbeiten dieser documenta gehören für mich die acht Objektkästen des Amerikaners Roland Reiss (Jahrgang 1929), der vor fünf Jahren seine erste Einzelausstellung hatte und bislang in Europa kaum bekannt war. In diesen „Puppenstuben“ mit ihren winzigen Details entdecke ich bei jedem Rundgang neue Dinge, zusätzliche Hinweise auf Situationsschilderungen, auf Absurdes und Dokumentarisches.
Den meisten Besuchern, die sich auf das genaue Studium dieser Objektkästen einlassen, geht es ähnlich - sie entwickeln einen regelrechten kriminalistischen Spürsinn beim Suchen nach immer wiederkehrenden Dingen in den verschiedenen Miniaturräumen. Fast überall tauchen einzelne Schuhe auf, Bücher, angerauchte Zigaretten, herumflatternde Geldscheine, Werkzeuge, Waffen, Blumentöpfe und mittendrin in dieser Alltagswelt Hamburger, oftmals schon angebissen.
Die Räume wirken so, als hätten ihre Bewohner diese gerade verlassen oder hätten sie sich unsichtbar gemacht. Alles ist auf Aktion abgestellt, deutet auf Aufbruch und Abbruch. Am konsequentesten hat Reiss das in dem zugleich brillantesten Miniaturraum ausgespielt - in „Die Tanzstunden: Steptanzaufpasser“: Während auf einer Treppe Schuhe, Strohhüte und Stöcke herauf- und heruntersteppen, schlägt ein Beil Kerben in einen Treppenpfeiler, werden das Klavier (das auch schon durchgesägt wird) und der Hocker halb abtransportiert, spritzt aus einem Schlauch Wasser auf den Boden und zündelt hinten in der Ecke ein Sprengkörper. Die Tage des Steptanzes scheinen vorbei aber auch die der amerikanischen Filmkomik, denn die obligatorisch fliegende Torte liegt unauffällig unter der Treppe, da springen das Spiegelei und der Hamburger eher ins Auge.
Schon dieser Versuch einer knappen Szenenbeschreibung läßt erkennen, daß Reiss‘ Räume nur hilfsweise als Puppenstuben bezeichnet werden können. Hier steht und liegt nichts zum Spielen bereit, sondern hier ist das Spiel im vollen Gang. Der Raum erscheint wie die Momentaufnahme einer szenischen Darbietung,
in der nicht Personen, sondern stellvertretend für sie die Dinge zu Akteuren geworden sind. Roland Reiss versteht die Räume mit den miniaturisierten Objekten als psycho-soziale Environments, in denen er Verhaltensweisen, Lebenseinstellungen und Situationen untersucht. Die Untersuchungen beziehen gewissenhaft die kleinsten Details mit großer Wirklichkeitsnähe ein und schließen dennoch nicht mit eindeutigen Ergebnissen ab, weil sie Dutzende andersgearteter Einfälle mit einbeziehen.
Roland Reiss arbeitet seriell. Wenn er sich einem Bereich (wie dem rituellen Verhalten in den „Tanzstunden“) zuwendet, dann entstehen unter dem Obertitel gleich mehrere Arbeiten, wobei sich allerdings die Ausdrucksmittel total verändern können. So werden in „Die Tanzstunden: Takt halten“ Säulen verschiedener Art zu sehr ruhigen, stillen Akteuren; in „Die Tanzstunden: Wie man seinem Partner das Tanzen beibringt“ dagegen sind Bäume und Baumstämme die Statisten und Opfer - kurios hier vor allem das Sandwich, das einen Baum und seine Aste aufrecht halten muß.
Wer durch die Miniaturisierungen hindurchsehen und in den Inszenierungen nicht nur die Einfälle, sondern auch die Weltbilder des Roland Reiss entdecken möchte, gelangt auf ein offenes Feld, auf dem die Gedankenverbindungen üppig sprießen können. Wie sehr dem Inszenator Reiss daran gelegen ist, über die witzig-winzigen Dinge hinaus in sozial-philosophische Dimensionen vorzustoßen, kann man an den vier marmorierten Räumen über „Die Moralitäten“ studieren: Pfeiler mit schwergewichtigen und stets auch gegensätzlichen Begriffen (wie Faulheit, Weisheit, Stärke, Grobheit und Güte) zeigen die Symbolhaftigkeit der Alltagsgegenstände an.
HNA 7. 8. 1982
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