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Andenken für alle
Vor fünf Jahren gestaltete der Kasseler Künstler Jürgen 0. Olbrich (Jahrgang 1955) zusammen mit Wolfgang Hainke aus
kritischer Distanz eine „documenta-Wundertüte“, in die er Postkarten und offizielles Informationsmaterial über die documenta-Künstler
füllte. Ein Katalog ganz eigener Art entstand einer, wie ihn viele Besucher von Ausstellungen und Messen nach Hause schleppen, wenn sie nach allem greifen, das kostenlos angeboten wird.
In diesem Jahr ist Olbrich selbst documenta-Künstler, eingeladen zur Mitarbeit in der Performance-Abteilung. Und
wieder wird er, zusammen mit Künstler-Freunden, sich mit dem Souvenir-Sammeltrieb der Menschen auseinandersetzen, nicht in einer diskriminierenden Art, sondern auf eine listig-verwirrende Weise: Die Flut der Reisesouvenirs, Andenken und Buttons, wird verstärkt, indem für diesen documenta-Beitrag neue produziert werden.
Immer wieder hat Jürgen 0. Olbrich in seinen Arbeiten und Aktionen seit den frühen 70er Jahren ganz direkt auf die Dinge des täglichen Lebens reagiert. Während die Pop-Künstler die Mythen des Alltags meist dann doch wieder in traditionelle Bilder und Plastiken umsetzten, spielt Olbrich mit den Formen, die das tägliche Leben selbst bietet. Das kann die Postkarte sein, die den am Wortspiel interessierten Künstler zur Mail-Art (zur Brief-Kunst) führt, oder es können die Mitbringsel von einer Butterfahrt sein, aus dann eine Alltags-Plastik gebaut wird.
Überall dort, wo die Kunst noch nicht zu einer festen Form erstarrt ist, wo Erfahrungen zu machen, Irritationen zu erzeugen und Einsichten in Gang zu setzen sind, da fühlt sich Olbrich angesprochen. Und da es diese Sorte Aktionskünstler in der kommerziell wohl organisierten Kunstszene schwer hat, macht er sich auch immer wie der für Gleichgesinnte stark und schafft ihnen Foren in seiner
Kasseler Wohnung Kunoldstraße, die zu einer festen Galerieanschrift geworden ist, und im Kasseler Kunstverein, dessen Vorstand er angehört. Zur documenta stellt sich Olbrich ganz darauf ein, daß dies die achte ihrer Art ist: Acht Künstler werden sich an dem „City Souvenir“-Projekt beteiligen. Jeder von ihnen gestaltet in einem Schaufenster in der Kasseler Innenstadt eine Souvenir-Skulptur, die sich auf die jeweilige Stadt bezieht, aus der der Künstler kommt. Alle Geschäfte (einschließlich der Geschäftsstelle unserer Zeitung), die sich an diesem Projekt beteiligen, verteilen darüber hinaus eigens für diese Aktion gefertigte Souvenirs an ihre Kunden.
Die Aktion der acht Künstler konzentriert sich auf die Zeit vom 22. bis 28. Juni. Dann werden sie täglich offene und neue Arbeitssituationen schaffen, in die Passanten oder documenta-Ausstellungsbesucher unversehens hineingezogen werden. Den Auftakt macht am 22. Juni ein Rundgang der acht durch die beteiligten Geschäfte, in dessen Verlauf die Künstler gleichartig eingekleidet und ausgestattet werden: Der Hang. sich mit Andenken an die individuellen Reiseziele zu behängen, uniformiert. Am Ende sehen alle gleich aus. In der Aktion und im Leben.
HNA 8. 5. 1987
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