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Das zerstörte Panorama
Ein verlockendes, ein vielversprechendes Gebilde im Kasseler Museum Fridericianum: Ein gläserner Pavillon in der Form eines langgestreckten Rhombus, dessen Mitte ein gläserner Würfel einnimmt. Ein sehr ästhetisches Objekt, das neugierig macht. Doch die Neugier stößt schnell auf Grenzen: An den vier Außenkanten des Rhombus sind zwar Bildtafeln aufgehängt, doch die darauf geklebten Großfotos von Sternnebeln blicken nach innen; nach außen weisen lediglich die schwarzen Rückseiten.
Das irritiert. Noch stärker verunsichert aber, daß man vor gläsernen Wänden steht, diese Wände jedoch weitgehend undurchsichtig bleiben. Lediglich ein Zentimeter breite Streifen, die in regelmäßigen Abständen das Milchglas unterbrechen, lassen Einblicke zu. Der Überblick wird einem versagt, Durchblick gewinnt man erst dann, wenn man das Auge direkt an einen Glasspalt hält.
Auch dieses Bemühen führt nicht immer zu einem wirklichen Erfolgserlebnis. Erst von bestimmten Punkten aus erkennt man im Innern Teile von farbigen Fotos mit bunten Nippes-Motiven. An den Wänden des inneren Glaswürfels sind vier solcher Detail-Fotos angebracht. Ein schönes Raumobjekt mit acht glänzenden Bildern - und doch wird das Bilderlebnis verweigert. Die erweckten Erwartungen werden nicht erfüllt, die Irritation bleibt bis zum Schluß.
Der Amsterdamer Künstler Niek Kemps (Jahrgang 1952), der diese Installation geschaffen hat, sucht die Verunsicherung. „Fragen dürfen niemals gelöst werden, sonst sind sie kaputt“, meint er. Seine Arbeiten sollen keine Antworten geben, sondern dazu befähigen, neu zu sehen. Und dieses Ziel wird nicht durch angebotene Lösungen, sondern durch offengehaltene Fragen erreicht.
Niek Kemps zählt zu den Künstlern, die sehr intensiv über die Kunstgeschichte und die aktuelle Kunstsituation nachgedacht und daraus die Konsequenzen für ihre künstlerische Arbeit gezogen haben: Seit dem 17. Jahrhundert habe sich die Kunst mit der Problematik des Panoramas auseinandergesetzt, habe versucht, Überblicke zu vermitteln. Dieses Streben nach Übersicht sei für ihn in der heutigen Weltsituation ebenso sinnlos geworden wie der Versuch, in einer individuellen Handschrift Bilder zu schaffen.
Dem zerstörten Panorama will Kemps kein neues entgegensetzen, er will jedoch in seiner Arbeit das Prinzip Panorama aufgreifen. So lenkt er mit seinen Arbeiten die Aufmerksamkeit der Betrachter auf den Wahrnehmungsprozeß, auf die Unmöglichkeit, das in den Blick zu bekommen, was man zwar vor sich sieht, aber nicht durchschaut. Doch in diesem so einfachen Effekt erschöpft sich sein Beitrag nicht. Der ist weit komplexer - er spielt mit dem Gegensatz von Anlocken und Zurückweisen, von Offenbaren und Verbergen, er prägt sich mit seinen klaren Formen nachdrücklich ein, bleibt aber im Bildlichen unbestimmt, er macht Weitentferntes sichtbar und verweigert Naheliegendes.
HNA 16. 5. 1987
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