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Liebe, Wind und Träume
Wir sind immer unterwegs, im Auto, in der Bahn, im Flugzeug. Wir fahren und fliegen, wir überschreiten den Raum, und wo wir es nicht tun, schicken wir unsere Sehnsüchte auf Reisen, begeben wir uns mit unseren Träumen in andere Wirklichkeiten.
Richard Baquié (Jahrgang 1952), französischer Künstler aus Marseille, baut Vehikel für diese Träume, Objekte und Maschinen, die unsere Empfindungen in Gang setzen sollen und uns zu den Grunderfahrungen des Lebens zurückführen. Er benutzt dabei Bausteine, die uns aus der Alltagswelt des Verkehrs bestens vertraut sind - Autoteile, Flugzeugformen und Fahrzeugmodelle.
Man kann leicht versucht sein, Baquiés Beitrag für die Kasseler documenta 8 als einen Abgesang auf die Technik, eine Endzeitvision des Automobils, anzusehen: Ein alter „Plymouth“ ist gevierteilt, gewaltsam auseinandergenommen, die Teile sind in alle vier Himmelsrichtungen verstreut. Doch die Bestandteile - Bug und Heck sowie die beiden Türen - bilden für Baquié lediglich die Ausgangsmaterialen für seine plastischen Arbeiten.
Der Franzose demonstriert, daß auch die Wrackteile eines Autos formbar sind und so ausgebaut werden können, daß ihnen neue Bedeutungen zuwachsen können.
Tote Technik lebt wieder auf: An der einen Tür dreht sich eine Scheibe mit Landschaftsbildern, auf die andere Tür ist ein riesiger Pfeil montiert, auf dem sich ausgelöst durch ein ständig arbeitendes Kühlaggregat, eine Eisschicht bilden wird; auf dem Kühler dampft heißes Wasser aus dem Schriftzug „Amore mio“, und ein ins Heck einmontierter Windkanal bläst Luft aus dem Kofferraum und läßt laute Fahrgeräusche entstehen.
„Plymouth — Nord, Süd, Ost, West“ heißt die Installation, die Hitze, Kälte, Wind und Geschwindigkeit produziert. Hier werden nicht nur Erinnerungen ans Autofahren geweckt, sondern auch Gefühle und Empfindungen ausgelöst, Ganz bewußt hat Baquié das Zentrum des Raumes freigelassen, in ihm kann der Besucher sich den Geschehnissen aussetzen.
Ähnlich wie Baquié arbeiten viele Künstler, die zur documenta 8 eingeladen sind. Sie benutzen technisches Gerät als Vehikel, sie denken über die Objekte hinaus in den Raum hinein und versuchen so, neue Energien freizusetzen. Die vom Künstler gestaltete Installation ist nicht Gegenstand der Bewunderung, sondern Antriebsmotor für den Betrachter. Die Kunst will nur Mittel sein.
HNA 19. 5. 1987
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