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Stahl als Antwort
Mit seinem Beitrag zur documenta 8 hat der amerikanische Künstler Richard Serra ein nübersehbares Zeichen in die Innenstadt gesetzt. Gestern wurden in der Wilhelmstraße, unmittelbar neben dem Rathaus, fünf Stahlplatten, jede vier Meter hoch, zehn Meter lang und fünf Zentimeter dick (Gewicht: 19 Tonnen), in der Form eines riesigen H aufgestellt.
An der Stelle, an der die Fußgängerzone in die Fahrstraße einmündet, steht nun diese documenta-Skulptur als eine weithin sichtbare Barriere. Der Aufbau dieses monumentalen Werkes lockte nicht nur Passanten an, sondern provozierte auch erste Unmutsäußerungen.
Doch Serra will nicht provozieren, er will mit seinen stählernen Zeichen auf die Gegebenheiten der Stadt antworten. Und so überwachte gestern der Künstler nicht nur den Aufbau, sondern untersuchte auch für sich selbst immer wieder den Verlauf der Fluchtlinien und Kanten: Plötzlich legte er sein Skizzenblock auf das Straßenpflaster und notierte in schnellen Strichen den Verlauf der Kanten.
Das stählerne H versperrt den Durchblick und zwingt die Passanten der Wilhelmstraße in zwei schmale Korridore. Richard Serra jedoch will mehr als nur eine Barriere schaffen. Er will
mit seiner Skulptur dem Blick neue Perspektiven eröffnen.
„Street levels“ (Straßen-Niveaus) nennt er seinen documenta-Beitrag: Die am Rand der Königsstraße aufgestellten Stahlplatten gehen von dem Höhenniveau dieser Einkaufsstraße aus und setzen in Richtung Karlskirche das Gefälle der Wilhelmstraße fort. So nimmt die
H-Skulptur die Neigung des Straßenverlaufs auf und biegt sich leicht in Richtung auf die Karlskirche. Auf diese Weise kommt in die massive statische Skulptur eine starke Bewegung.
Andererseits ist die neben dem Rathaus verlaufende Wand höher als die gegenüberliegende Parallel-Seite - auf diese Weise will Serra den Höhenunterschied von der einen zur anderen Straßenseite bewußt machen.
Serra will mit seiner Arbeit ermöglichen, die Stadt neu zu erleben: Durchblicke, die sonst kaum registriert wurden, würden nun gesucht; Barrieren, die nicht wahrgenommen wurden, würden nun sichtbar. Er will zum neuen Blick verführen.
HNA 21. 5. 1987
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