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Den Ruf geschädigt
„Hat Kassel die documenta, die 8,4 Millionen Mark kostet, überhaupt noch verdient, wenn dort so hemmungs- und hirnlos mit moderner Kunst verfahren wird?“ Diese Frage, gestellt von Werner Krüger im Kölner StadtAnzeiger, konnte nach dem Abriß der Backstein-Skulptur des Dänen Per Kirkeby (neben der Orangerie in Kassel zur documenta 7 errichtet) nicht ausbleiben. Für Krüger ist das „Vandalismus gegen die bildende Kunst“, und er rechnet der Stadt Kassel nebenbei auch noch spektakuläre Geld-Verschwendung vor: „Kirkeby konstruierte ähnliche Arbeiten für drei öffentliche Plätze in Dänemark und wird in diesem Jahr je einen Auftrag in Kiel und in Paris realisieren. Künstlerhonorar ohne Material- und Aufbaukosten: 80000 bis 150 000 Mark.“ Kassel aber sollte die Arbeit als Geschenk erhalten. Um ein entsprechendes Einverständnis war Kirkeby 1984 ausdrücklich gebeten worden.
Laszlo Glozer (Süddeutsche Zeitung) bringt den Vorgang auf die kurze und richtige Formel:,, Image-Pflege durch documenta und eine Ignoranz, die in Kunstbeseitigung mündet, vertragen sich schlecht.“ Für ihn ist der Abriß ein „kunstfeindlicher Akt erster Güte“. Als Glozer seinen Artikel schrieb, glaubte er, noch etwas retten zu können. Doch da hatte das Abräum-Kommando (in der letzten Januar-Woche) schon ganze Arbeit geleistet.
Als die Stadt Ende. vorigen Jahres endgültig die Übernahme des Geschenks ablehnte und der documenta-Aufsichtsrat Anfang Dezember den Abriß beschloß, dachten die Verantwortlichen wohl, über eine interne Kasseler Angelegenheit zu verhandeln. Aber wie die documenta selbst so sind auch deren Zeugen und Folgen für die Kunstwelt insgesamt von Belang; hier erhält Lokalpolitik nationale und internationale Dimensionen. Das wurde damals offenbar übersehen. Und es ist ungewiß, wie schnell die durch den Abriß geschlagenen Wunden heilen können.
Kassels Oberbürgermeister Hans Eichel, der zuletzt zu der Einsicht gekommen war, daß die Kirkeby-Skulptur am falschen Platz stehe, kann nun in einigen Briefen, die zur Rettung des Backsteinbaus geschrieben wurden, nachlesen, wie empfindlich das Bild der documenta-Stadt ist. Franz Meyer, der frühere Direktor des Basler Kunstmuseums, fragt etwa, ob Kassel es müde geworden sei, „Weltkunststadt zu spielen“. Und der Direktor der Kestner-Gesellschaft Hannover, Carl Haenlein, meint, der Abriß stelle „die Glaubwürdigkeit der Stadt als Veranstalterin der documenta ernstlich in Frage“. So schnell kann ein mühsam poliertes Image fleckig werden.
Schließlich geht es bei den documenten nicht nur um die materielle Organisation, sondern auch um die Frage, wie einzelne Künstler zu außergewöhnlichen Projekten für Kassel zu gewinnen seien. Nach der Zurückweisung des (ursprünglich erbetenen) Geschenks wird das schwieriger. Andererseits muß man klar sehen, daß jeder documenta-Leiter seine eigenen Kunstvorstellungen, Vorlieben und Abneigungen hat: Während Kirkeby 1982 bei Fuchs und Gachnang zu den „Chefs“ gehörte, paßt der Däne wohl nicht in Schneckenburgers Konzept für die documenta 8.
Allerdings trat der künstlerische Leiter der nächsten documenta auf Anfrage unserer Zeitung dem Eindruck energisch entgegen, er habe im documenta-Aufsichtsrat für den Abriß plädiert. Er habe sich für deren Erhalt ausgesprochen, weil er grundsätzlich dagegen sei, einmal errichtete Skulpturen wieder abzureißen; auch habe er den Kirkeby-Beitrag als eine bedeutende Arbeit eingestuft. Natürlich könne man fragen, ob der Platz neben der Orangerie der richtige gewesen sei.
Andere Teilnehmer der Aufsichtsratsrunde hatten Schneckenburgers Worte jedoch eher als Votum gegen den Erhalt verstanden Ein Beobachter: „Wenn Schneckenburger sich für Kirkeby so entschieden wie seinerzeit Szeemann eingesetzt hätte, wäre es nicht zu dem Abriß gekommen.“
HNA 19. 2. 1986
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