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Die Zeichen stehen gut
Die Verhältnisse haben sich verkehrt. So schwer es in den 50er Jahren war, die documenta-Idee materiell durchzusetzen, so schlüssig und unangefochten war das inhaltliche Programm: Es galt einfach, die Kunst der Moderne aufzuarbeiten. Doch je selbstverständlicher die Kasseler documenta als Institution in den 60er und 70er Jahren wurde, desto unbestimmter wurde ihre kunsthistorische Notwendigkeit. Nun mußte jedes Mal neu um die inhaltliche Legitimation gerungen werden.
Die Rolle der richtungsweisenden Kunstschau war nicht länger vorgegeben, sondern zum gefährdeten Erbe geworden. National wie international taten sich Ausstellungsprojekte auf, die im Kielwasser der documenta schwammen oder sie gar zu überholen trachteten. Allein zwischen den documenten 8 und 9 gibt es mindestens vier deutsche Ausstellungsprojekte, die documenta-Dimensionen anpeilen. Und dabei bleibt kein Feld unbesetzt - weder die historisch ordnende Rückschau noch die aktuelle Übersicht.
Dennoch sind die Zeichen für die nächste documenta ermutigend. Nicht allein deshalb, weil mit Jan Hoet bereits drei Jahre vor Ausstellungsbeginn der künstlerische Leiter feststeht, sondern weil dieser Museumsmann aus Gent sehr genau weiß, worum es geht: Er setzt darum weder auf den Namen noch auf die Tradition, sondern auf die Auswahl der Kunst, die er für gut und wichtig hält.
Arnold Bode und seine Mitstreiter taten in den 50er und 60er Jahren nichts anderes. Daß sie dabei gelegentlich auch Opfer von Strömungen und Moden wurden, haben jene kritischen Beobachter gern übersehen, die Bodes Nachfolgern unterstellten, nur den Marktschreiern nach dem Mund geredet zu haben.
Jener Frankfurter Kritiker, der meinte, mit Hoet habe die documenta den richtigen Rummelplatz-Leiter gewählt, kann sich seine ironischen Anmerkungen sparen. Hoet hat bewiesen, daß er im Sinne der Kunst, und um die geht es ja allein, andere Wege gehen kann. Seine über die Stadt verteilte Ausstellung „Chambres d‘amis“ verhalf dem Unternehmen Kunst zu einem neuen Charme. Und seine stete Weigerung, die beachtliche Sammlung zeitgenössischer Kunst im Genter Museum zu zeigen, um so den geforderten Museumsneubau zu erreichen, dokumentiert seine Durchsetzungskraft.
Hoet hat mit seiner Berufung der documenta ihre visionäre Kraft zurückgegeben. Wenn er es dann tatsächlich erreicht, abseits der Galerienpfade Talente und Meister zeitgenössischer Kunst ausfindig zu machen, werden nicht unbedingt größere Besucherscharen angelockt, wird aber die Grundidee neu belebt.
Manches von dem, was Hoet vorträgt, erinnert an Gedanken und Vorstellungen von Rudi Fuchs, der die documenta 7 (1982) verwirklichte: Hier geht es um die Kunst und die Künstler, alles andere hat zurückzustehen. So ist zu hoffen, daß die Kunst nicht inszeniert, also spektakulär präsentiert wird, sondern sich selbst darstellen kann.
Vielleicht springt der Funke über, wenn Hoet im Mai nach Kassel kommt: Damit die documenta nicht mehr nur krampfhaft verteidigt, sondern souverän gestaltet wird.
HNA 11. 2. 1989
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