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Kunst und die Liebe zur Show
Über den „Sinn und Unsinn großer Kunstausstellungen“ will Jan Hoet, der Direktor des Genter Museums, am Donnerstag, 5. Mai, 20 Uhr, im Kasseler Kunstverein reden. Jan Hoet, der schon seit längerer Zeit zu dem Kreis der Ausstellungsmacher gerechnet wird, die auch eine documenta in Kassel leiten könnten, greift damit in der documenta-Stadt ein heißes Eisen auf: Denn in ihrer mehr als 30jährigen Geschichte ist die Kasseler Kunstschau zum Musterbeispiel des großen Kunst- spektakels geworden, anfangs ehrfürchtig bewundert, zuletzt heftig umstritten und oft genug auch in Frage gestellt.
Als Mitte der 50er Jahre die erste documenta die Kunst der Moderne vorführte, da war sie noch ein Ausnahmeereignis. Auch die nächsten drei Nachfolgeveranstaltungen waren praktisch ohne Konkurrenz. Doch dann, Ende der 60er Jahre, änderte sich die Situation: In den Kunstzentren (und nicht nur dort) wurden Kunsthallen eröffnet, die sich ebenfalls um Ausstellungsvisionen bemühten, und in immer kürzeren Abständen brachten die Metropolen Projekte auf den Weg, die ganz ähnliche Zielrichtungen hatten wie die documenta. „Westkunst“ in Köln und „von hier aus‘ in Düsseldorf stehen als die markantesten Beispiele für solche Ansätze in der jüngsten Vergangenheit.
Jetzt aber scheinen sich die Ereignisse zu überstürzen: Berlin feiert als Kulturstadt Europa in diesem Jahr gleich auf mehreren Ebenen, wobei sicherlich die Ausstellung „Stationen der Moderne“ der gewichtigste Versuch ist, eine Kunstbilanz dieses Jahrhunderts zu ziehen; Köln bereitet für das nächste Frühjahr eine Fortsetzung von „Westkunst“ vor, eine Revue der Kunst der letzten 30 Jahre, die unter dem Titel „Bilderstreit“ laufen soll; ein Jahr später will Frankfurt einen umfassenden Ein- und Ausblick auf die aktuelle Kunstszene geben; und zu guter Letzt kam nun aus Hamburg die Meldung, daß dort in den Deichtorhallen auf 6000 Quadratmetern Platz für internationale Ausstellungen geschaffen werden soll.
Eine äußerst paradoxe Entwicklung: Einerseits fehlen den bodenständigen Museen mit ihren ansehnlichen Sammlungen die simpelsten Mittel für die Bewachung der Kunstwerke oder für größere Neuanschaffungen, andererseits scheint immer genug Geld da zu sein, wenn die Kunstschau zur attraktiven Show wird.
Das kann nicht endlos so weiter gehen. Jan Hoet, der eingangs zitierte Museumsmann, hat in Gent einmal die Konsequenz daraus gezogen. Er verzichtete auf die große Schau, die die Handschrift des Machers trägt, und wählte unter dem Titel „Chambres d’amis“ (Räume der Freunde) den entgegengesetzten Weg: Er ließ Künstler ihre Arbeiten in Genter Privatwohnungen, quer durch die Stadt verstreut, einrichten.
Dieses Modell ist nicht unbedingt übertragbar. Es zeigt aber, daß angesichts des zunehmenden Hangs zur großen Schau neue Wege gesucht werden müssen, um das in den Mittelpunkt zurückzuholen, um das es geht - die Kunst. Das bedeutet für die Kasseler documenta, daß sie nicht bloß darauf setzen kann, die anderen Großveranstaltungen zu übertrumpfen. Wenn in den nächsten Monaten der neue documenta-Leiter ausgeguckt wird, muß vielmehr von Grund auf überlegt und diskutiert werden, in welche Rolle die Kasseler Kunstschau unter diesen veränderten Bedingungen schlüpfen kann oder muß. Andernfalls könnte man schnell in einer Sackgasse landen.
HNA 29. 4. 1988
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