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Maßstäbe setzen
Kassel. Noch ist offiziell nicht bekannt, welche Kunstexperten in die Kommission zur Findung des nächsten documenta-Leiters berufen werden, doch schon jetzt werden Namen für den neuen documenta-Macher gehandelt. Als einer der Kandidaten gilt der Belgier Jan Hoet, der in Gent ein Museum für zeitgenössische Kunst leitet. Hoet wurde schon länger als Ausstellungsmacher geschätzt, doch zu außerordentlichem Ruhm kam er erst vor zwei Jahren mit seinem Projekt „Chambres d‘amis“:
Er verzichtete auf die große Schau und ließ 59 Künstler ihre Bilder, Skulpturen und Installationen in 59 Privatwohnungen, über das Genter Stadtgebiet verstreut, einrichten. Im Kasseler Kunstverein berichtete er nun auf anschauliche Weise von den Beziehungen, Spannungen und künstlerischen Ergebnissen, die sich während dieses Projektes entwickelt hätten.
Sollte Hoet, wie manche glauben, tatsächlich die Leitung der nächsten documenta übernehmen, ist nicht damit zu rechnen, daß dann die 400 000 Besucher durch Kassels Wohnzimmer geschleust werden. Hoet glaubt, daß sein Projekt weder übertragbar noch wiederholbar sei. Für 1993 plant er erneut Ungewöhnliches: „Nordexpreß“ heißt sein Vorhaben; dabei will er die Städte, die an der Bahnlinie London-Köln liegen, in ein Ausstellungsprojekt einbeziehen.
Hoet flieht keineswegs das Museum, sondern bekannte sich in seinem mit vielen Spitzen durchsetzten Vortrag nachdrücklich zu dieser Institution. Genauso entschieden wandte er sich gegen die nur auf Kulturprofit bedachten Großausstellungen. Kleine und große Ausstellungen müßten sich ergänzen, die kleinen als Orte des Experiments, die großen als Bühnen der Wertung. Und so sieht Hoet als Hauptaufgabe für das Museum und die große Kunstschau: Maßstäbe setzen.
HNA 7. 5. 1988
D.S.
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