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Marathon
Wer unter keinen Strapazen leidet, der sucht sie. Es scheint ganz im Wesen der Zeit zu liegen, daß die wachsende Freizeit dazu genutzt wird, an sich jene Belastungen zu erproben, die man im Arbeitsprozeß abschütteln will. Die Marathon-Läufer sind dabei zu Vorbildern geworden. Allerdings nehmen die Nachahmer nicht die 42,195 Kilometer auf sich. Sie finden die Strapazen anderswo: Sich einer Sache bis zur Erschöpfung aussetzen, heißt die Devise.
Beim Prix Futura in Berlin sollen eine Woche lang Tag und Nacht 225 Funk- und Fernsehbeiträge befutachtet werden. Und kommendes Wochenende werden sich Kunstjünger zu einem 24stündigen Gespächs-Marathon zur Kasseler documenta 9 In Weimar treffen.
Alles nur Show? Oder Windmacherei, wie ein Blatt für kluge Köpfe behauptet? Natürlich: Wo kein Wind gemacht wird, bewegt sich heute wenig. Auch die Kunst lebt von der Show. Und die beherrscht documenta-Macher Jan Hoet.
Hoet kann verstören und verärgern — wie seinerzeit beim Marathon in Gent. Er kann mit der Informationsüberflutung aber auch neugierig machen auf die documenta. Oder bleibt allein die Erkenntnis, daß nur einer das Kunstchaos sichten kann nämlich Hoet?
HNA 12. 4. 1991
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