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Die Malerei neu erfunden
Nach Paris und vor London und New York ist Düsseldorf die einzige deutsche Station einer umfassenden Ausstellung der Gemälde von Jean Simon Chardin (l699-l779).
Der Maler Jean Simon Chardin ist einer der wichtigsten Künstler des 18. Jahrhunderts und ein früher Wegbereiter der Moderne. Gleichwohl ist er bei uns nicht populär, und sein Werk ist selbst vielen Freunden der Kunst nur andeutungsweise bekannt. Gewiss hängt das damit zusammen, dass in deutschen Museen insgesamt nur zehn Gemälde von Chardin zu sehen sind. Noch entscheidender dürfte sein, dass Chardin kein Künstler der großen historischen und mythologischen Themen war, sondern sich auf eher bescheiden und unauffällig wirkende Stillleben und Alltagsszenen (Genrebilder) konzentrierte.
Doch genau in dieser Bescheidung erreichte er eine solche Meisterschaft, dass er bereits als junger Maler Aufsehen erregte und dass er sich später in die erste Garde der französischen Künstler vorarbeiten konnte.
Worin beruhte diese Meisterschaft? Chardin fand einen neuen Zugang zur Darstellung der Wirklichkeit. Beispielsweise ließ in einem Jagdstilleben das Fell eines Hasen nicht aus der Summe feiner Haare entstehen. Vielmehr versuchte er, den haarigen Körper in seiner Ganzheit und Farbigkeit sowie unter den Bedingungen des Lichts zu erfassen und dann in Malerei zu übertragen.
Auf diese Weise entstand ein impressionistischer Realismus, der die Körper und Gegenstände plastisch werden ließ und in dem der Schmelz der Farben triumphierte. Zur Vollendung gelangten Chardins Kompositionen dadurch, dass der Maler die Hintergründe seiner Stillleben (oft Mauern) farblich seinen Motiven anpasste und dass in den dunklen und braunen Flächen viele andere Farben verborgen sind.
Es ist, als habe Chardin die Malerei neu erfunden. Vor allem hat er den Weg zur Malerei um ihrer selbst willen eröffnet. Durch seine Kunst werden in den Stillleben die einfachsten Dinge geadelt. Auch gewinnt in diesen Bildern der unbedeutendste Raum eine transparente Atmosphäre.
Nachdem vor 20 Jahren in Paris die erste umfassende Chardin-Ausstellung überhaupt zu sehen gewesen war, wurde nun der 300. Geburtstag zum Anlass für eine zweite repräsentative Schau genommen. Das Zentrum bilden die Stillleben, die in ihrer schlichten Schönheit verzaubern. Darunter befinden sich auch etliche hart und fast grausam wirkende Jagd- und Küchenstillleben
mit Tierkörpern, die keineswegs appetitanregend sind.
Herb und erst auf den zweiten Blick vol1er Charme sind die Genreszenen. Leider fehlen völlig die späten Pastelle mit den Selbstporträts sowie die Bilder, in denen Chardin Affen als handelnde Figuren eingesetzt hat. Die Ausstellung im Düsseldorfer Kunstmuseum soll ihren vollen Glanz entfalten, wenn man sie tagsüber im hellen Oberlicht betrachtet.
HNA 11. 1. 2000
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