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Kampf um die Verpackung
Am Donnerstag soll der Bundestag darüber abstimmen, ob der Künstler Christo den Reichstag in Berlin für 14 Tage verhüllen darf.
Die Fälle, in denen sich der Deutsche Bundestag in seinen Debatten mit Fragen von Kunst und Kultur beschäftigte, sind an zehn Fingern abzuzählen. Umso bemerkenswerter ist, daß das Bonner Parlament am Donnerstag nächster Woche über ein einzelnes Kunstprojekt diskutieren und entscheiden soll: Darf der bulgarischamerikanische Künstler Christo Javacheff (Jahrgang 1935) seinen 1971 entwickelten Plan verwirklichen und den Berliner Reichstag für 14 Tage mit 40 000 Quadratmeter Plane und 35 000 Meter Seil einhüllen und verschnüren?
Bei der Bundestagsentscheidung geht es nicht (nur) um ein Kunsturteil der Abgeordneten, sondern auch um das Verhältnis von Kunst und Politik.
Schließlich ist der Berliner Reichstag mehr als nur ein in die Vergangenheit weisendes Symbol - er ist der künftige Sitz des Bundestages. Also befinden die Abgeordneten in der Abstimmung, bei der es keinen Fraktionszwang geben soll, auch darüber, ob die wechselvolle Geschichte des Gebäudes um genau jenes Kapitel bereichert wird, das die Schicksalsbrüche deutlich macht.
Christo sieht genau diese Punkt. Deshalb reizt ihn das Projekt und deshalb verfolgt er es wie ein Besessener seit 23 Jahren. Das schier Unmögliche anzupeilen und die Widerstände zu überwinden, ist Teil seiner künstlerischen Arbeit. Genauso, wie es dazugehört, daß er für seine Verhüllungs- und Verpackungsprojekte keine öffentlichen Gelder in Anspruch nimmt, sondern er sich bemüht, die Mittel durch den Verkauf von Zeichnungen, Collagen und Modellen hereinzuholen.
Das galt, als er in den 70er Jahren quer durch ein Tal einen gewaltigen Vorhang aufziehen ließ (Valley Curtain Riffle) oder als er 1985 nach neunjährigem Kampf die Brücke Pont Neuf in Paris verhüllen durfte.
Wenn man Christos unendlich viele und stets effektvolle Entwurfszeichnungen - auch zum Reichstags-Projekt - sieht, dann stellt sich gar nicht mehr die Frage, was ihn dazu gebracht hat, fast ausschließlich als Verpackungskiinstler zu arbeiten: Indem er ein Bauwerk einhüllen und mit Hilfe zahlreicher Assistenten verschnüren läßt, verbirgt er einerseits die Architektur; andererseits erscheint der Baukörper mit seinen charakteristischen Ausformungen umso plastischer und größer. Plötzlich wird das Gebäude auf seine Außenform reduziert, über die sich eine zweite Haut legt, die das Licht gleißen läßt und reflektiert.
Als Christo - auf eine Anregung von Michael S. Cullen hin - 1971 an die Vorüberlegungen zur Reichstags-Verpackung ging, war das Gebäude nahezu funktionslos und stand wie ein Mahnmal unmittelbar an der Berliner Mauer. Der 1894 errichtete Prunkbau von Paul Wallot war gleich zu Beginn der Nazizeit (27. Februar 1933) niedergebrannt, im Krieg völlig zerstört und schließlich wiederaufgebaut worden. Doch der Viermächte-Status für Berlin stand einer normalen parlamentarischen Nutzung des Gebäudes entgegen.
Die Chronik des Streits um das Christo-Projekt, die in dem Katalog „Der Reichstag und urbane Projekte“ (Prestel Verlag, München, 160 S., 49,80 Mark) dokumentiert ist, liest sich wie ein Krimi. Quer durch die Parteien verlaufen die Fronten der Gegner (Bundeskanzler Kohl) und Befürworter (so Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth) des Projekts. Andererseits gab es auch überraschende Sinneswandel. So lehnte Karl Carstens (CDU) als Bundestagspräsident und somit auch als Hausherr des Reichstages die Verpackung ab. Drei Jahre später, als Carstens Bundespräsident war, wandelte er sich zu einem Befürworter.
Immer wieder waren in den70er und 80er Jahren die Bedenken der vier Mächte und der DDR-Führung vorgeschoben worden. Doch bei Nachfragen ergab sich, daß in dieser Hinsicht kein politischer Konflikt drohte. Nun, da die Mauer verschwunden ist, der Reichstag wieder mitten in Berlin liegt und das Gebäude zu einem modernen Bundestag umgestaltet werden soll, gewinnt das Christo-Projekt eine neue Dimension. Mit der Verhüllung für 14 Tage kann das Signal zur Rückgewinnung des Hauses als demokratisches Parlament gegeben werden. Der Zeitpunkt ist ideal für diese ungewöhnliche Verbindung von Kunst und Politik. Das Bonner Parlament kann mit seiner Entscheidung für Christo nur gewinnen. Eine Ablehnung aber läßt das Projekt für alle Zeiten sterben.
HNA 20. 2. 1994
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