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Widerstand überwinden
Der aus Bulgarien stammende und in den USA lebende Künstler Christo stellte in Göttingen sein Projekt der ReichstagsVerhüllung vor. Er begeisterte sein Publikum.
Christo in Göttingen. Das war ein Ereignis zwischen Staatsbesuch und Werbeshow. Dabei wußte man nicht ganz, wer wen mehr benutzte: War es Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die schon ein wenig Vorwahlkampf betrieb und den berühmten Künstler als Mentor für die Rettung der alten Lok- Halle gewinnen wollte? Oder war es Christo, der noch mehr Unterstützer für sein Reichstagsprojekt finden wollte? Jedenfalls bewegte man sich mühelos im Spannungsfeld von Internationalität und Provinz. Hier hielt der Kunststar seinen engagierten Vortrag als Gestalter der Welt, da sang zu seiner Begrüßung der Göttinger Knabenchor volkstümliche Lieder. So ist das Leben.
Gelegentlich muß es der Bulgare leid sein, immer und überall, wo er auftaucht, gefragt zu werden, ob er denn auch dieses oder jenes Gebäude verpacken wolle. Auch bei der Besichtigung der Lok-Halle spekulierten viele in diese Richtung. Doch wenig später, beim Vortrag in der Uni, stellte Christo klar: Er setze sich nur mit den Gebäuden und Landschaften auseinander, zu denen er eine besondere Beziehung habe. Auf an ihn herangetragene Verpackungswünsche gehe er nicht ein.
Es ist, wie sich beim Vortrag und in der Diskussion zeigte, der Widerstand, der ihn reizt. Die Hindernisse zu überwinden und den mühsamen Prozeß der Verwirklichung voranzutreiben, das füllt ihn aus. In der Beziehung ist das Reichstags-Projekt ein Musterbeispiel, denn 23 Jahre lang mußte Christo dafür kämpfen, bis er endlich nach mehrfachen „endgültigen“ Absagen die Einwilligung des Bundestages erhielt. In seinem Lichtbildervortrag, in dem Christo verdeutlichte, wie er Gebäuden, Tälern, Parks und ganzen Regionen für Wochen eine neue oder klarere Gestalt geben kann, wurde nachvollziehbar, wie das Vorhaben, den Reichstag zu verpacken, nahezu seine ganze Künstlerbiografle durchzieht.
So sehr es auch die anderen immer wünschen, so wenig ist Christo bereit, sich auf eine eng umgrenzte politisch wertende Interpretation der Reichstags-Verpackung festlegen zu lassen. Alle politischen Deutungen (dafür und dagegen) seien im Bundestag gegeben worden. Allerdings ist er froh, von der Wende und vom Fall der Mauer profitieren zu können: Bis 1989 strebte er nur die Verhüllung eines Mausoleums an. Jetzt kann er aber mit seiner Aktion im nächsten Frühjahr den Startschuß zu einem Neubeginn im deutschen Parlament geben. Der mächtige Bau, so versprechen alle seine Zeichnungen, Collagen und Modelle, wird in seinem ganzen Volumen sichtbar werden und doch wird die Masse durch die silbrige, reflektierende Haut gebrochen.
HNAV 20. 7. 1994
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