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Der Zeichner streift die Fessel ab
Goethe sorgte dafür, daß der künstlerische Nachlaß von Asmus Jakob Carstens nach Weimar kam. Jetzt wird Carsten’ zeichnerisches Werk in der Kunsthalle Weimar dokumentiert.
Seine Briefe aus Rom an den Preußischen Staatsminister und Berliner Akademie-Kurator Friedrich Anton von Heinitz unterzeichnete Asmus Jakob Carstens meist als „Euer Hochfreiherrlichen Exzellenz unterthänigster Knecht“. Aber je länger Carstens als beurlaubter und mit einem Reisestipendium versehener Professor in Rom, dem Sehnsuchtsort der Künstler der Zeit um 1800, weilte, desto mehr versuchte er, sich aus der Rolle des Knechts zu befreien und die ihm angelegte Fessel abzustreifen.
Am Ende gar weigerte sich Carstens, als Professor an die Akademie zurückzukehren. Er wollte nur noch für seine Kunst leben. Doch als der 1754 in Schleswig geborene Zeichner diesen Schritt vollzog, blieben ihm nur noch zwei Jahre - bereits 1798 starb er. Der Briefwechsel zwischen Carstens und dem Akademie-Direktor - erst ging es um die Gewährung des Reisestipendiums, dann um die Verlängerung und schließlich um die Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses - liest sich im Katalog zur Ausstellung (232 S., 25 Mark) wie eine Kriminalgeschichte.
Die Korrespondenz hat aber nicht nur Unterhaltungswert, denn Carstens’ Bruch mit der Akademie geht einher mit der Ausbildung eines neuen Kunst- und Künstlerverständnisses: Schon vorher hatte sich der Zeichner nicht zum Sklaven des Regelwerks und der Nachahmung machen lassen wollen. Er setzte vielmehr auf die freie Bildfindung - auf der Grundlage des genauen Formenstudiums. In Rom emanzipierte er sich zum freien Künstler, der außer seinem Talent niemandem zu dienen habe.
Die aus den Beständen der Kunstsammlungen Weimar und der Stiftung Weimarer Klassik zusammengetragene Ausstellung läßt diesen umwälzenden Bewußtseinsprozeß nicht unbedingt sichtbar werden. Einzig Carstens’ ausdrücklicher Verzicht auf die Malerei und seine Beschränkung auf das zeichnerische Element lassen - wenn man es weiß - dieses Selbstverständnis erahnen. Dabei hatte Carstens durchaus eine Veranlagung zum Malerischen - seine mit Weiß akzentuierten (gehöhten) Kohlezeichnungen und seine Bilder in Rötel-Technik bergen so delikat ausgearbeitete Flächen, daß man an Gemälde denkt.
Carstens war hoch begabt. Seine Porträtstudien verraten das nicht unbedingt, eher hingegen
seine Karikaturen: Mit sicherem Auge und ebenso festen Strich brachte er die Schwächen von Profilen auf den Punkt. Die „Prozession von sieben Herren“ ist ein hervorragendes Beispiel dafür.
Bestechend sind auch seine Studien, die er zur Vorbereitung größerer Kompositionen anfertigte – Gewandstudien gehören dazu ebenso wie Figurengruppen. Und Meisterschaft erreichte bei der Gruppierung von bewegten Körpern. Der „Sturz der Engel“ (1789) ist ein zeitlos faszinierendes Blatt.
Die ausgeführten Kompositionen, die von der Schulung an den Klassikern zeugen und die sicherlich eine wesentliche Stufe bei der Ausbildung des Klassizismus markieren, belegen allerdings nicht jene künstlerische Souveränität, die aus den Studien spricht. Der Genius war in dem Anspruch weiter seine Bilder.
HNA 26. 2. 1993
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