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“Der hat genau so gemalt wie ich”
Im Jahre 1907 kam Lovis Corinth nach Kassel, um sich in der Gemäldegalerie die Rembrandt-Bilder anzusehen. Doch nicht Rembrandt, sondern Frans Hals und dessen zwischen 1660 und 1666 entstandenes Gemälde „Der Mann mit Schlapphut“ übten auf ihn die stärkste Faszination aus. Corinth kopierte das Frans-Hals-Gemälde und schrieb seiner Frau Charlotte: „Also in Kassel war das Kopieren sehr hübsch; der Frans Hals hat genau so gemalt, der Kerl, wie ich. Ich brauche mich gar nicht zu verstellen. Bloß das Schwarz ist natürlich viel klarer.“
Nach einer langen Odyssee ist dieses Bild nun an den Ort seiner Entstehung zurückgekehrt. Vorläufig als Leihgabe einer Institution, die den Staatlichen Kunstsammlungen in Kassel schon manches ermöglicht hat; doch über kurz oder lang, so hofft man im Museum, wird das Land Hessen das in zahllosen Ausstellungen gezeigte Gemälde aus Sondermitteln ankaufen. Zuletzt hatte sich das Bild im Besitz einer New Yorker Familie befunden, mit der rund fünf Jahre lang über seine Rückführung nach Deutschland verhandelt worden war. Der Kaufpreis wurde zwar nicht genannt, soll jedoch deutlich unter dem des „Walchensee-Bildes“ liegen, das vor ein paar Jahren für über eine halbe Million Mark nach Kassel gekommen war.
Corinths „Der Mann mit dem Schlapphut“ ist ab heute in der Neuen Galerie zu besichtigen, in der auch 1907 diese Version entstanden war; damals nämlich befand sich dort die berühmte Sammlung der alten Meister. Das Gemälde hängt dann an jener zentralen Stirnwand im ersten Stock, die schon seit einiger Zeit eine reine Corinth-Wand ist. Zur Übergabe in die Obhut der Staatlichen Kunstsammlungen war (nur) gestern das Corinth-Werk neben dem Hals-Vorbild präsentiert worden.
Als Lovis Corinth sich zum Kopieren des berühmten Meisterwerkes entschloß, war er kein Anfänger mehr, sondern ein fast Fünfzigjähriger, mit beachtlichem Erfolg gesegneter Maler. Die Auseinandersetzung mit Frans Hals diente also nicht der Vervollkommnung der Maltechnik, sondern war Bekenntnis und Verbrüderung zugleich. Hier stieß ein Künstler in dem Bild eines 270 Jahre älteren Kollegen auf eine Seelenverwandtschaft in der Malkultur.
Hals hatte nämlich als 80jähriger einige wenige Gemälde, darunter den „Mann mit Schlapphut“ einer Art geschaffen, die weit über seine Zeit hinauswies: Das Bild wirkt, als sei es mit leichter Hand hingemalt; bis in das Gesicht des porträtierten (aber bis heute nicht identifizierten) Mannes hinein hat der Maler die Pinselstriche deutlich stehen lassen, so daß die Formen bei näherer Betrachtung aufweichen und die Malweise vor die Motive tritt. Der Weg von diesem Bild zu den Impressionisten und Expressionisten ist wahrlich nicht weit.
Die Gegenüberstellung zeigt nun, daß Corinth gar keine wirkliche Kopie versuchte, sondern eben seinen „Mann mit dem Schlapphut“ malte: dunkler und weniger kontrastreich; dennoch scheinen die breit und dick aufgetragenen Farben, die den Raum und die Stofflichkeit noch weiter auflösen, in Aufruhr. Die Malerei steht nur noch vordergründig im Dienst des Porträts, sie kommt zu sich selbst.
HNA 5. 2. 1983
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