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Vorkämpfer der Moderne
Das Künstler-Selbstbildnis ist eins der faszinierendsten Themen der Kunstgeschichte. Lovis Corinth, der heute vor 125 Jahren in Tapiau (Ostpreußen) geboren wurde, bereicherte dieses Thema um einige besondere Facetten. Die eigenwilligste ist das 1896 entstandene „Selbstbildnis mit Skelett“, das heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München hängt.
Als Corinth dieses Ölbild malte, stand er in der Mitte seines Lebens. Kraftvoll und selbstbewußt zeigt er sich der Welt, strotzt schier vor Wohlergehen. Das Gerippe neben ihm ist nicht mehr wie in der überlieferten Malerei eine Verkörperung des Todes, also der sich bedrohlich heranschleichende Freund Hein, sondern ein Skelett der Anatomie - geradezu lächerlich und unbedeutend, weil an einem simplen Haken aufgehängt. Indem Corinth fast parodierend die Gegenüberstellung Künstler -Gerippe aufnimmt, demonstriert er, daß dies für ihn kein existentielles Problem ist.
Corinth war ein diesseitiger Maler, der sich mit kräftig und sinnlich gemalten Gestalten zum Leben bekannte. Umso stärker traf ihn der Schlaganfall, der ihn 1911 an den Rand des Todes brachte (er starb 1925). Einerseits wandte er sich nun mehr nach innen, andererseits wurde er in seinem Malstil noch ausdrucksvoller - die Pinselstriche wurden kürzer und heftiger und führten diesen Exponenten des „deutschen lmpressionismus“ in die Randzonen des Expressionismus.
Wenn heute nach den Vätern und Vorbildern der jungen Malerei geforscht wird, dann muß man gerade diesen späten Corinth mit einbeziehen. Bilder wie das 1917 entstandene Gemälde „Kain“ sind fast genauso flächig, wild und grob wischend angelegt wie frühe Arbeiten eines Georg Baselitz oder Gemälde eines Walter Dahn.
Lovis Corinth hatte sich in Königsberg, München und Paris langen Studien unterzogen, ehe er zu sich selbst fand und schließlich vom Akademiestil freimachte. Halb- und Dreiviertelfiguren, Landschaften und Stillleben wurden zu seinen bevorzugten Themen, und er blieb immer der Gegenständlichkeit treu, obwohl er sich mit seiner auflösenden Malerei bisweilen stark der freien Farbkomposition näherte.
Seinen Durchbruch erlebte Corinth in Berlin, wo er gemeinsam mit Max Liebermann und Max Slevogt für den Sieg der modernen Kunst kämpfte. Er selbst wurde durch seine Arbeiten zu einem Vermittler zwischen Tradition und Moderne, beispielsweise indem er klassische Themen aufgriff und sie ironisch zur Disposition stellte. Dazu zählt auch das 1908 entstandene Ölbild „Versuchung“, das bereits 1928 von Kassel angekauft wurde. Das Gemälde nimmt das Thema des ungleichen Paares auf - ebenfalls mit einem ironischen Unterton. Nicht das junge unschuldige Mädchen wird hier von einem alten Mann bedrängt, sondern die reife Frau von Rubensscher Fülle. Ihr spöttischer Blick gilt nicht nur dem häßlichen Alten, der hinter ihr steht, sondern auch dem Betrachter der Szene.
Es gibt vielfältige Beziehungen Kassels zu Corinth, heute festgeschrieben durch einen repräsentativen Bestand an wichtigen Gemälden in der Neuen Galerie (in der Städtische und Staatliche Kunstsammlungen vereinigt sind). Lovis Corinth machte im September 1907 in Kassel Station, um hier vor allem Frans Hals und dessen „Mann mit Schlapphut“ zu studieren. Corinths damals gemalte Kopie von dem Gemälde kehrte Anfang des Jahres nach Kassel zurück und kann hier nun zwischen den anderen Corinth-Bildern als Bekenntnis zu einem großen Vorbild und ein Dokument der zu sich selbst kommenden Malerei studiert werden.
Zentraler Schatz der Kasseler Corinth-Sammlung aber ist das 1921 entstandene Gemälde „Walchensee, Landschaft mit Kuh“, das durch seine Weite und Lichtfülle fasziniert und das mit dem Wechsel von bedächtiger zu heftiger Malweise eine Summe des malerischen Schaffens enthält.
HNA 21. 7. 1983
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