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Wo sich Kunst und Leben mischen
Keine andere documenta hat sich so intensiv mit der Stadt und deren Schwächen auseinandergesetzt wie die jetzige. Kunst und Leben mischen sich fast untrennbar.
Drei Obdachlose innitten von Müll liegend: Duane Hanson hatte 1972 diese lebensechte Figurengruppe zur documenta 5 geschaffen. Nicht das Thema faszinierte damals so sehr, sondern die Machart. Das Publikum war von der Rückkehr der realistischen Figürlichkeit fasziniert. Das anklagende Element aber ging unter, schließlich war die Arbeit im neutralisierenden Museumsraum der Neuen Galerie zu sehen.
25 Jahre später sieht die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit anders aus. Sie ist direkter und umfassender geworden. Man muß nicht erst ins Museum gehen, um darauf gestoßen zu werden, wie abweisend, hart und häßlich zuweilen der städtische Raum ist. Einige Künstler sind mit ihren Arbeiten unmittelbar an die Orte gegangen, die sie zuspitzend kommentieren. Und dabei wird ein Charakteristikum dieser Kunst und dieser documenta offenbar: Die Werke dekorieren nicht und verschönern nicht, sondern verstärken noch die vorgefundene Atmosphäre.
Am deutlichsten wird das in den beiden Fußgängerunterführungen zwischen Kulturbahnhof und Treppenstraße: Die documenta-Leitung legte großen Wert darauf, daß die beschmierten und überklebten Kachelwände nicht gereinigt würden. Am Erscheinungsbild sollte sich nichts ändern - nicht etwa, weil Kassel zur documenta vorgeführt werden sollte, sondern weil solche Orte nahezu in aller Welt gleich aussehen.
So vermischen sich in der Unterführung an der Treppenstraße, die Fotoplakate der documenta-Künstlerin Suzanne Lafont (Motive: Menschen, Architektur und Städtenamen) mit den dort wildgeklebten Ankündigungspostern. Noch härter wird die Situation in der Unterführung am Bahnhof. Da hat die in Berlin lebende Christine Hill in einem Ladenlokal ihre „Volksboutique “ eröffnet, in der freitags und samstags billige Kleidungsstücke (ernsthaft und mit Witz zugleich) verkauft werden. Durch diese Boutique wird eine Unterführung weiter der schon legendäre Sockenladen, ohne daß der Betreiber es will, mit zu einem Ausstellungsstück.
Hieran ist auch abzulesen, wie stark das künstlerische Selbstverständnis sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert hat: Nicht immer ist das auf museale Ewigkeit angelegte Werk dass Ziel, sondern häufig begnügen sich Künstler mit relativ kleinen Eingriffen und Korrekturen der Wirklichkeit. Dieses ist in hervorragender Weise dem Kanadier Jeff Wall in der Bahnhofsunterführung gelungen. Er brachte an einer Wand eines seiner farbigen Leuchtbilder an, das einen auf der Straße lebenden Mann zeigt, wie ihm aus einer Tüte die Milch schießt.
Der Mann könnte ebenso real vor der Tunnelwand sitzen. Das Foto stellt nicht nur eine Beziehung zwischen der sozialen Realität in Kanada und in Kassel her, sondern auch zwischen der Architektursprache an den unterschiedlichen Orten (Kachel- und Klinkerwand). Verschärft wird die Aussage dadurch, daß der Glasrahmen, der das Wall-Bild schützt, über das Foto hinausreicht und einen Teil der beschmierten Kachelwand einbezieht. So verschmilzt die Wand mit der Wall-Arbeit und entsteht ein Bild im Bild.
Das ist die zentrale Botschaft der documenta X: Auf der Suche nach der Kunst werden wir nicht aus der Wirklichkeit entführt, sondern auf sie zurückverwiesen.
HNA 28. 6. 1997
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