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Am Lesen kommt keiner vorbei
Die documenta X wird nichts für Flaneure. Wer nur einen Spaziergang durch die Ausstellung unternehmen will, wird Teile der documenta nicht kennenlernen.
Gewöhnlich ist das bei einer Ausstellung so: Man sieht sie sich mehr oder weniger intensiv an und hat sich am Ende des Rundgangs seiner selbstgestellten Aufgabe entledigt. Wer zu Hause bei Gelegenheit noch einmal nachsehen und -lesen will, was er angeschaut hat, kauft auch den Katalog. Nun sind in den letzten Jahren die Kataloge nicht nur umfangreicher und dicker geworden, sondern häufig auch mit Essays zum Geist der Zeit und der Kunst gefüllt worden, die ganz andere Horizonte berühren. Nach dem Selbstverständnis der Autoren beleuchten diese Texte den Hintergrund, vor dem die Ausstellung aufgebaut wurde.
Catherine David, die künstlerische Leiterin der documenta X, geht noch einen Schritt weiter: Sie begreift das mindestens 500 Seiten starke documenta-Buch (mit seinen Essays, Dokumenten und anderen Texten), das sie und ihr Team vorbereiten, als festen Bestandteil des Ausstellungsunternehmens. Nur wer das Buch vor oder nach dem documenta-Besuch gelesen haben wird, wird Zugang zu dem Kosmos finden, den Catherine David schaffen will. Kunstausstellung bedeutet in diesem Fall eine Kombination aus statuarischer Bilder- und Objekteschau, Film und Video, Theater und Diskussion sowie Publikation. Die Kommunikation findet auf vielen Ebenen (auch im Internet) statt. Am Lesen kommt keiner vorbei.
Zwar wird auch noch ein Kurzführer geplant, der mit seinen Bildern und Texten zur Ausstellung den eigentlichen Katalog bildet, doch bietet der nicht in Kurzfassung das, was im Buch stehen wird. Dieses Konzept stellt hohe Anforderungen an die Mitarbeit der Besucher. Sie werden, wenn sie sich darauf beschränken, nur mit schnellen Blicken durch die Ausstellung zu gehen, von der documenta X lediglich Bruchteile mitbekommen und verstehen.
Wenn man andererseits hört, daß Geschäftsleute davon träumen, noch einmal 200 000 mehr Besucher als 1992 (615 000) zur documenta zu locken, dann fragt man sich, wo die beiden Planungen und Hoffnungen zusammenkommen. Auch die Leitung der documenta X setzt auf den breiten Zuspruch. Doch die Quantität wird erst dann zur Qualität (im Sinne der Kunst und des Ausstellungserfolges), wenn möglichst viele Besucher sich auch den Anforderungen stellen oder sich zumindest dem Führungssystem anvertrauen, das dieses Mal mit besonderer Intensität vorbereitet wird. Ein schwieriges Experiment.
HNA 5. 10. 1996
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