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Der Triumph der abstrakten Kunst
In unserer Artikelserie zur Kasseler documenta erinnern wir heute an die Ausstellung von 1959. Sie ließ die abstrakte Kunst triumphieren und löste damit erste heftige Kontroversen aus.
Als 1988 im Berliner Gropius-Bau unter dem Titel „Stationen der Moderne“ ein Überblick über die wichtigsten deutschen Kunstausstellungen des 20. Jahrhunderts gegeben wurde, war die der documenta gewidmete Abteilung im Zentrum zu finden. In der Tat ist die Kasseler Ausstellung für die Kunstentwicklung der Nachkriegszeit von einzigartiger Bedeutung. Aber es war nicht die erste documenta von 1955, die in Berlin ansatzweise rekonstruiert worden war, sondern die II. documenta (1959).
Das geschah aus gutem Grund: Während die erste documenta ein umfassendes kunsthistorisches Panorama der ersten Jahrhunderthälfte entworfen hatte, versuchte die zweite, in parteilichem Sinne Kunstgeschichte festzuschreiben. Sie konzentrierte sich auf die Kunst seit 1945; lediglich in einem „Vorwort“ wurden mit Hilfe älterer Werke die „Argumente“ und „Lehrmeister“ des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Entscheidend war, daß die documenta fast ausschließlich abstrakte Kunst zeigte.
Werner Haftmann, neben Arnold Bode der führende Kopf in der Ausstellungsplanung, lieferte dazu im Katalog die Begründung: „Eines ist sogleich festzustellen, daß die ganze große Domäne der Auseinandersetzung mit den optischen Erscheinungsbildern der Gegenstandswelt nur noch schwache Impulse herzugeben vermag. Die Kunst ist abstrakt geworden.“
Darin steckte eine Kampfansage gegen alle Spielarten gegenständlicher Kunst, die man durch die Nazi-Kunst und den sozialistischen Realismus als belastet und verbraucht ansah. Diese Parteilichkeit entfachte heftige Kontroversen, die schließlich auch den Vorwurf hervorbrachte, nachdem die Deutschen rücksichtslos die Blut- und Bodenkunst propagiert hätten, würden sie nun kompromißlos die Abstrakten feiern.
Trotz aller Kritik war die documenta mit ihrer zweiten Ausstellung zur Institution geworden. Die Veranstalterin war nun eine GmbH mit dem Kasseler Oberbürgermeister an der Aufsichtsratsspitze und in ihrer Bedeutung wurde die documenta mit der weit breiter angelegten Biennale Venedigs
verglichen. Mit der II. documenta ging die Kunst auch in die Stadt. Hatte sich die Ausstellung von 1955 noch auf das Fridericianum konzentriert, kamen 1959 zwei weitere Orte dazu: das Palais Bellevue für die Grafik und das Gelände vor der damaligen Orangerie-Ruine für die Skulptur. Seit jener Zeit bilden die documenta und die Karlsaue mit der Orangerie einen nahezu unauflöslichen Erlebnisraum für die Kunst. Arnold Bode allerdings hätte die Plastik anfangs lieber rund
um das Ballhaus in Wilhelmshöhe gezeigt.
Die räumliche Ausweitung war zwingend, weil statt der 670 Werke von 148 Künstlern (1955) nun 1170 Werke von 326 Künstlern präsentiert wurde. Die Malerei mit 700 Bildern
stand im Zentrum, und waren es der Zahl nach die Deutschen und Franzosen, die den Ton angaben. Zum Ereignis und Blickfang aber wurden die Gemälde der Amerikaner, die dank einer Auswahl Porter A. McCray (Museum of Modern Art, New York) erstmals mitvertreten waren.
Die II. documenta hätte die damals in den USA beginnende Pop-art vorstellen können: McCray hatte unter anderem von Robert Rauschenberg die Mischtechnik „The Bed“ mitgeschickt. Aber das im Katalog abgebildete Werk wurde gar nicht aufgehängt. Nur ein braveres Rauschenberg-Bild kam in die Ausstellung. Aber es wurde nicht als ein Beispiel einer neuen Strömung präsentiert.
II. documenta (1959): 1170 Werke von 326 Künstlern. 134 000 Besucher. Etatansatz: 680 000 Mark: tatsächliche Kosten 991 000 Mark, Zuschüsse 476 000 Mark, Erlöse und Spenden: 515 000 Mark.
HNA 10. 1. 1997
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