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Ein Kunstwerk oder doch nicht?
Mit dem Porträt von Marcel Broodthaers beginnen wir in unserer Serie mit
der Vorstellung von Künstlern, die zur docuenta X eingeladen sind. Wir fangen mit den „historischen“ Künstlern an.
Sein Werk ist dem Umfang nach bescheiden. Der Belgier Marcel Broodthaers (1924-1976) hat gerade zehn Jahre lang als bildender Künstler gewirkt und in dieser Zeit relativ wenig selbst hergestellt. Gleichwohl wird er mittlerweile als einer der wichtigsten Künstler unseres Jahrhunderts angesehen. Auch für Catherine David, die künstlerische Leiterin der documenta X, gilt diese Wertung: In ihrer Ausstellung wird Broodthaers eine Schlüsselstellung einnehmen. Der Belgier wird damit zum vierten Mal auf einer documenta vertreten sein.
Wie konnte Broodthaers diese zentrale Bedeutung erlangen? Vielleicht weil er zuvor schon Poet gewesen war? Oder weil er im Wort auch das damit gemeinte Bild erkannte und weil er andererseits klar sah, daß dem Bild durch entsprechende Textbeigaben die entgegengesetzte Bedeutung untergeschoben werden kann?
Marcel Broodthaers war ein Nachfahre von Marcel Duchamp und René Magritte. Indem Duchamp 1917 ein industriell gefertigtes Urinoir als Kunstwerk ausstellte, provozierte er natürlich den Kunstbetrieb, machte aber auch ernsthaft bewußt, daß es eine Sache der Vereinbarung und willkürlichen Setzung ist, was Kunst sei und was nicht. Magritte seinerseits setzte 1929 unter das Bild einer Pfeife den Satz: „Ceci n‘est pas une pipe“ (Das ist keine Pfeife). Damit bewirkte er zweierlei: Er forderte den Widerspruch heraus und machte zugleich mit dem Satz darauf aufmerksam, daß natürlich die Abbildung nicht mit dem Objekt gleichzusetzen sei.
Marcel Broodthaers setzte dieses Bewußtseinsspiel fort. Als er 1972 die Chance hatte, in der Düsseldorfer Kunsthalle eine große Ausstellung zu realisieren, entschied er sich, sein 1968 in seiner Brüsseler Wohnung gegründetes „Museum“ im großen Stil umzusetzen: Die Ausstellung trug den Titel „Der Adler vom Oligozän bis heute“ und gab vor, eine Sonderausstellung seines Museums für Moderne Kunst zu sein. In der Düsseldorfer Schau waren aus allen Zeitaltern und Kulturen alle denkbaren Objekte und Abbildungen zu sehen, die in irgendeiner Form das Bild oder den Namen des Adlers trugen.
Das bedeutet: Die Besucher erlebten eine spannende kultur- geschichtliche Ausstellung, in der Naturkunde, politische Symbolik, Werbemethodik, Literatur und Kunst zusammengeführt wurden.
Indem eine Kunsthalle dies leistete, gewann das kulturgeschichtliche Projekt eine besondere Bedeutung. Aber - und darin offenbaren sich Scharfsinn und Ironie von Broodthaers - es war auch eine Kunstausstellung: An jedem der Ausstellungsstücke, ob Werbebild, Adlerbriefmarke oder Gemälde, war das Schild zu lesen „Dies ist kein Kunstwerk“. Durch diese Zusatzschilder wurden alle Objekte gleich gemacht, wurde aber auch das ganze System ins Wanken gebracht: Mochte man beim Adlerbild mit Hakenkreuz noch der Meinung sein, daß dies keine Kunst sei, wurde man auf die Glaubensprobe gestellt, wenn man das gleiche Schild neben einem Adler-Gemälde des anerkannten Künstlers Gerhard Richter fand. Die Besucher wurden gezwungen, über das, was Kunst sein kann, neu nachzudenken.
Im selben Jahr schuf Broodthaers für die documenta 5 einen öffentlichen Museumsraum, in dem er sein Spiel mit den Bildern, Begriffen und Bedeutungen auf Tafeln fortsetzte. Wer sich auf solch ein Spiel einläßt, verschafft sich den Zugang zu Grundfragen der documenta X. Also wird Catherine David diesen Museumsraum wieder nach Kassel holen - auch als Verbeugung vor der documenta-Geschichte.
HNA 12. 2. 1997
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