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Werke in Beziehungen bringen
Auch das macht die Eigenart jeder einzelnen documenta aus - daß sie für sich neue Räume erobert. Die kommende Kasseler Kunstschau gibt zudem erstmals einen Weg vor - einen Parcours.
Wir leben in einer Situation des Übergangs. Jede Zeit mag dieses Lebensgefühl nahelegen, doch wenn ein Jahrtausend dem Ende zugeht, dann ist die Versuchung groß, dem mechanischen Einschnitt einen tieferen Sinn beizumessen.
Zeit des Übergangs: Wir sind nicht da, wo wir hinwollen, und wir müssen uns neu orientieren. Gibt es da ein besseres Bild als das des Bahnhofs - an dem man ankommt, aber noch nicht am Ziel ist, der in der Stadt liegt, aber durch seine Gleisanlagen und Werkhallen immer noch Vorstadt ist?
Kein Wunder, daß Catherine David, die künstlerische Leiterin der documenta X, in dem Kasseler Hauptbahnhof einen Schlüssel für die Ausstellungsstruktur entdeckte. In diesem Bahnhof wird ein wenig von dem greifbar, was nach Catherine Davids Meinung heute so viele Künstler interessiert - die Vorstadt- und Randstadtsituation. So bildet er nicht nur das eine topographische Ende des documenta-Parcours, der durch die Innenstadt zu den verschiedenen Ausstellungsplätzen bis hin zur Fulda führt, sondern er soll sinnfälliger Ausgangspunkt sein: An dem Ort, an dem sich 19. und 20. Jahrhundert begegnen, soll das beginnen, was Catherine David eine „Retroperspektive“ nennt - ein Ausblick auf die aktuelle und kommende Kunst unter Einbeziehung eines Rückblicks.
In den rückwärtigen Gebäuden des Bahnhofs, wo früher die Bahnpost untergebracht war, werden derzeit für die documenta 1800 Quadratmeter Ausstellungsfläche gewonnen. Sie werden mit ihrer Wechselbeziehung zum Bahnhofsgeschehen schon rein äußerlich für die documenta ein neues Ausstellungsklima schaffen. Und dadurch, daß auch an anderen Punkten des Bahnhofs weitere documenta-Beiträge installiert werden (so wird in den Räumen des Offenen Kanals ein Künstler eine Videothek einrichten) und dort auch das Filmprogramm läuft, ist die Einstimmung aufs Vorübergehende, aufs Transitorische unübersehbar. Von dort geht es in die ungeliebten Unterführungen und in die Treppenstraße, wo ebenfalls documenta-Werke platziert werden.
Das Zentrum jeder documenta ist und bleibt das Museum Fridericianum (3585 Quadratmeter); dieser Ort bietet sich für die museale Kunst an. Dort werden die historischen Fundamente der Ausstellung zu sehen sein, aber auch aktuelle Gegenüberstellungen. Die Zeit der Abteilungen, die nach Techniken
und Medien unterscheiden, ist vorbei. Heute geht es eher um Nachbarschaften - Verwandtschaften und Differenzen. Catherine David will die Werke miteinander in Beziehung bringen - etwa fotografische Werke und malerische Werke, die ohne Fotografie nicht denkbar wären.
Schon die vorige documenta hatte das gegenüberliegende Ottoneum (Naturkundemuseum) mitbenutzt. Während aber 1992 die Kunstschau im Naturkundemuseum nur punktuell zu Gast war, stehen dieses Jahr das erste und zweite Obergeschoß in ihrer Gesamtheit (1230 Quadratmeter) zur Verfügung. Der Rhythmus der Architektur - Pfeiler mit Rundbögen grenzen den Mittelgang gegenüber den Saalflächen ab - soll auch die Werkanordnung mitbestimmen: Es soll einen Wechsel zwischen starken sinnlichen und zum Reflektieren einladenden Arbeiten geben.
Die 1992 erbaute documenta-Halle (1385 Quadratmeter) liebt Catherine David als Ausstellungshalle nicht. Trotzdem wird sie durch die Reihe „100 Tage - 100 Gäste“ und Multimedia-Installationen zu einem lebendigen Zentrum. Denn das ist das wesentlich Neue der kommenden documenta - daß sie den Zustand unserer Kultur so umfassend spiegeln will, daß sie in Gespräch und Diskussion auch Philosophie, Literatur, Architektur und Politik einbezieht. Außerdem werden in den drei Kabinetten Werke zu sehen sein.
Letzte und kleinste Station vor dem Fuldaufer (wo es ebenfalls Außen-Installationen geben wird) ist ein 300 Quadratmeter großer Raum in der Orangerie. Er wird der jungen Kunst vorbehalten bleiben.
HNA 7. 2. 1997
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