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Die Geschichten des Lebens
In der Reihe unserer Künstler-Porträts zur documenta X stellen wir heute die deutsche Filmemacherin Antonia Lerch vor.
Das Leben schreibt die besten Geschichten, heißt es. Die in Berlin lebende Filmemacherin Antonia Lerch arbeitet auf der Grundlage dieser Erkenntnis. Wohl hat sie 1976 zusammen mit Benno Traut- mann einen ersten Film (,‚Der Umsetzer“) gedreht, der ihr zum Durchbruch verhalf, doch bevorzugt sie Stoffe, die weder sie selbst noch andere erfunden haben. Also lebt sie offenen Auges in ihrer Stadt, findet ein Thema und erarbeitet sich dann mit der Kamera dokumentarisches Material, das sie zu einem Bericht oder einer Erzählung zusammenstellt. So sind Porträts von „Drei Fotografinnen“ (1993) oder „Sieben Freundinnen“ (1994) entstanden oder unter dem Titel „Vor der Hochzeit“ Kreuzberger Geschichten von jungen Türkinnen.
Es fällt auf, wie viele der eingeladenen documenta-Künstler nicht in dem Fach ausgebildet sind, in dem sie arbeiten. Antonia Lerch gehört in diese Reihe. Sie studierte Publizistik und Theaterwissenschaften, arbeitete dann als Schauspielerin, bevor sie Mitte der 70er Jahre mit dem Filmen begann. Ihre Themen entdeckt sie in Berlin, vor allem in der nächtlichen Großstadt.
Beispielsweise sammelte sie „Nachtgeschichten“, in denen sie fast ausschließlich die Kamera erzählen läßt, also so gut wie ohne Worte auskommt. Es sind die Randzonen des großstädtischen Lebens, die vielen Künstlern der kommenden documenta ihre Stoffe liefern, und es sind die Grenzbereiche, die Antonia Lerch faszinieren. Für die documenta X produziert sie zusammen mit Benno Trautmann eine „dokumentarische Erzählung“ unter dem Titel „Letzte Runde“.
Auch dieser Film führt in nächtliche Berlin, in Bars und Kneipen der unterschiedlichsten Stadtteile. Zehn Geschichten werden erzählt, und überall wird die „letzte Runde“ bestellt. Was sind das für Menschen, die sich an ihrem Glas festhalten und immer wieder ein „letztes Mal“ bestellen wollen? Es sind Durchreisende und Vereinsamte, Alte und verzweifelt Liebende, die Angst vor dem endgültigen Schluß haben, weil sie dann die Wirklichkeit erwartet.
Antonia Lerch läßt die Menschen ihre Geschichten erzählen. Einige von ihnen suchen zwar die Einsamkeit, aber loswerden wollen sie doch, was sie beschäftigt. Es ist Nacht in Berlin, aber die Berichte der Menschen führen in die Tage hinein und in die Fremde. Denn so unterschiedlich die Menschen und Schicksale sind, so verbindend ist die Tatsache, daß dieses Berlin eigentlich nicht ihre richtige Heimat ist.
HNA 14. 3. 1997
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