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Falscher Schein und wahrer Glanz
Siebter und letzter Regisseur in unserer Porträtreihe der Künstler, die zur documenta X eingeladen werden, ist Harun Farocki (Jahrgang 1944).
Harun Farocki stammt aus der Tschechoslowakei. Doch schon als Student verließ er 22jährig sein Land und ließ sich in Berlin nieder, wo er an der Film- und Fernsehakademie studierte. Seit 1966 dreht er regelmäßig Filme für das Fernsehen und Kino, außerdem schreibt er für Rundfunk und Theater. Viele seiner Filme haben schon von den Titeln her klare gesellschaftskritische und
politische Bezüge: „Drei Schüsse auf Rudi“ (1968), „Die Worte des Vorsitzenden“ (1967), „Leben BRD‘ (1990) oder „Ein Tag im Leben der Endverbraucher“ (1993). Aber im gleichen Maße ist er, wie der Filmtitel „Die Arbeit mit Bildern“ (1974) verrät, fasziniert von den Möglichkeiten, beim Filmen die Bildersprache neu auszuloten.
Für seinen documenta-Film „Stilleben“ gibt sich Harun Farocki völlig dieser Faszination hin. Es ist ein Dokumentarfilm über die Arbeit in der Werbebranche: Ein Stilleben soll arrangiert und inszeniert werden, damit das Foto davon für ein Produkt werben kann.
Besser kann über das Bildermachen sinnbildlich kaum nachgedacht werden, als wenn ein Filmemacher dokumentiert, wie Werbeleute ein Stilleben in Szene setzen. Der ungeheure Aufwand wird sichtbar. Außerdem sieht man, wie sich unter der Hand der Arrangeure die Objekte, die vorgestellt und angepriesen werden sollen, verwandeln müssen.
Das klassische Stilleben ist als Motiv der Malerei nahezu verschwunden. Dafür hat sich die Fotografie des Themas angenommen - nicht nur in der Werbung. Was überrascht, ist die Tatsache, daß die Inszenierungstechniken sich über Jahrhunderte kaum geändert haben: Verschiedene Dinge des Alltags werden auf einer kleinen Fläche so zusammengetragen, daß sie ein harmonisches Bild ergeben. Einmal in dem Sinne, daß es wirkt; und zum anderen zu dem Zweck, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Das Stilleben etwa, auf dem ein halbleeres oder umgekipptes Weinglas und ein zerbrochener Krug zu sehen sind, sollte nicht nur Lebensspuren bezeugen, sondern auch an die Vergänglichkeit und Sterblichkeit erinnern.
In der heutigen Werbe-Dramaturgie fehlt natürlich dieser religiöse Hintergrund. Da geht es vor allem um sinnliche Diesseitigkeit. Das angebissene Hörnchen und die Lippenstiftspuren an der Kaffeetasse werden, so sieht es Farocki, von der Werbung eingesetzt, um das Gefühl von einem frühen Genuß und einer Beziehung zu erwecken. Der Film soll den Zuschauern eine doppelte Erfahrung bescheren: Mit Hilfe der von Farocki geführten Kamera beobachten sie, wie die Werbeleute etwas fotografisch dokumentieren wollen, was sie zuvor erst erfinden müssen.
Das, was sich schließlich vor den Augen der Konsumenten als wahrer Glanz entfaltet, ist in Wirklichkeit falscher Schein. Und die Kommentare der Webefotografen erklären, wie sich die Dinge durch ihre Arbeit verwandeln, um endlich jene ästhetische Qualität zu erreichen, die dem Stilleben zu seiner Lebendigkeit verhilft.
Der Film könnte also auf anschauliche, bildhafte Weise vorführen, wie den Dingen ihre Bedeutungen zugeordnet werden, wie sie mit Botschaften aufgeladen werden. Die Wirkung des Bildes wird selbst
zum Thema - nicht über eine theoretischen oder didaktische Ansatz, sondern mit Hilfe der sinnlichen Mittel, mit denen die Fotografen arbeiten.
HNA 9. 4. 1997
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