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Liebevoller Abschied vom Leben
Von den sieben für die documenta X produzierten Filmen war als erster Aleksandr Sokurovs (Jahrgang 1951) „Mutter und Sohn“ fertig. Er erlebte auf der Berlinale seine Uraufführung.
Nahezu ein Jahrzehnt lang produzierte Aleksandr Sokurov für sein Privatarchiv. Zwar hatte der Absolvent der Moskauer Filmhochschule sich das Rüstzeug für die professionelle Regiearbeit angeeignet. Aber von seiner Diplomarbeit an wurde ihm von der damaligen Zensurbehörde regelmäßig das Vorführrecht verweigert. Bis 1986 konnte er sich mit seinen Werken öffentlich in der Sowjetunion nicht vorstellen. Da sich die Qualität seiner Arbeit aber herumgesprochen hatte, setzte sich sogar Andre Tarnowskij von seinem Exil aus für den Regisseur ein.
Heute gilt Sokurov als einer der wichtigsten russischen Filmemacher, der mit einem Werk von 30 Dokumentar- und Spielfilmen aufwarten kann. Sein für die documenta X produzierter Film „Mutter und Sohn“ steht für das vergessene und verdrängte Kino, dem Catherine David wieder die angemessene Aufmerksamkeit verschaffen will: Filme, die aus ihren ureigenen Mitteln ihre Sprache und ihre Erzählung entwickeln. Es geht um innige Verbundenheit und Liebe zwischen dem Sohn und seiner sterbenden Mutter, um den Abschied vom Leben und um die Einsamkeit.
Aleksandr Sokurov hat die beiden Personen (Gudrun Geyer und Aleksej Ananischnov) aus dem von Hektik bestimmten Alltag herausgelöst. Die beiden scheinen auf der Welt allein zu sein. Die Kamera fängt nur sie ein - wie der Sohn die abgemagerte Mutter füttert und sie auf der Bank vor dem Holzhaus bettet und wie er sie schließlich spazieren trägt. Außer den beiden und der menschenleeren Natur um sie herum scheint es fast nichts zu geben. Die Kamera fängt die Landschaftsstimmungen ein und zeigt in Detailaufnahmen, welch körperliche Anstrengungen die beiden, die voneinander Abschied nehmen, aufbringen müssen. Durch lange Einstellungen bringt Sokurov große Ruhe in seinen Film. Er setzt auf die natürliche Kraft der Bilder.
Selbst in ihren letzten Stunde hat die Frau nicht aufgehört, sorgende Mutter zu sein. Beim Durchsehen alter Postkarten werden Erinnerungen daran wach, wie sie früher immer Angst hatte, ihren Sohn zu verlieren. Und nun, da sie sterben muß, will sie vergessen machen, daß sie ihn nun lassen muß. Ihm zuliebe versucht sie, den nahenden Tod zu überspielen. Der Sohn ist tatsächlich der Verlassene. In seiner Welt, die von den Menschen total gegeben zu sein scheint, gibt es niemanden, der ihm Trost spenden könnte, nachdem Mutter gestorben ist.
HNA 4. 4. 1997
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