Wie ein buntes Mosaik entsteht

Neben dokumentarischen Erzählungen werden drei Spielfilme fur die documenta X hergestellt. Einen von ihnen dreht der Amerikaner John Jost (Jahrgang 1943), der seit 1994 in Europa lebt.

Unser Bemühen ist stets darauf gerichtet, einzelne Situationen und Ereignisse in Zusammenhänge zu bringen. Wir entwerfen Panoramen und versuchen, Ordnungen zu schaffen, indem wir auch die entferntesten Dinge in Beziehungen zueinander setzen, So können wir uns orientieren, und so können wir auch dem Widersprüchlichsten einen Sinn unterlegen.

John Jost bezieht in dem für die documenta X produzierten Spielfilm „Kleine Steine“ eine konträre Position. Er erzählt eine Geschichte, die aus lauter winzigen Teilen besteht, die alle gleich
wichtig sind und folglich ein Wertungssystem verweigern. Viele Personen tauchen auf, die wie im Reigen miteinander in Berührung kommen, von denen aber keine zum dominierenden Helden wird. Die Welt erscheint als ein buntes Mosaik, das aus vielen kleinen Steinen besteht, die, wenn man sie aus der Nähe betrachtet, jeder für sich reizvoll wirken, von denen aber – aus der Ferne gesehen – keiner besonders hervorsticht.

Die gemeinsame Basis der vorgeführten Schicksale ist der Ort: John Jost, der bis 1994 in den USA lebte und dann nach Europa kam, wohnt derzeit in Lissabon. In der portugiesischen Hauptstadt hat er seinen Film angesiedelt. Die Stadt ist es auch, um die es in dem Film eigentlich geht. Was macht das Leben in einer Großstadt aus? Es ist der Alltag der dort lebenden Menschen, und es sind ihre zufälligen und geplanten Beziehungen. Die Stadt als großer Marktplatz, auf dem man sich trifft: Ricardo, der Taschendieb, Sara, die Scharfschützin, Vera, die Tänzerin, Pedro, der Architekturzeichner, und Inès, die Frau, die unter Vergeßlichkeit leidet.

Es sind kleine, gewöhnliche Schicksale. Aber Jost, dessen Filme sich durch Humor und Selbstironie auszeichnen, bemüht sich zu zeigen, daß in dieser Normalität ebensoviel Größe und reiche Lebenserfahrung liegt wie in den Biographien der üblichen Filmhelden. Auf diese Weise transportiert seine Geschichte auch eine ermutigende Botschaft: Die Menschen, die sich da treffen, überwinden zwar nie die letzte Distanz, doch wenn sie auseinandergehen, haben sie Spuren hinterlassen. Vielleicht hat der andere sich gewandelt, oder man erlebt die Stadt mit neuen Augen. Der Spielfilm unterscheidet sich in seiner Produktionsweise gründlich von dem, was sonst das kommerzielle Kino bietet.

John Jost hat die Produktion ausschließlich in seiner Hand gebündelt. Er hat das Buch geschrieben hat Regie geführt, hat hinter der Kamera gestanden und ist auch für den Schnitt verantwortlich. So kann er mit seiner Film dem Ziel nahekommen, das Catherine David für die documenta-Filme anpeilt: Erzählweisen und Haltungen vorführen, für die im Filmgeschäft sonst kein Platz ist, und damit die Sprache der Bilder und des Films neu entdecken.

Bereits seit 1963 dreht John Jost Filme. Aber es ist bezeichnend für die Marktsituation, daß seine Produktionen immer nur am Rande mitliefen. Sie fanden zwar auch wiederholt bei der Berlinale Beachtung, doch fast ausschließlich im internationalen Forum des Jungen Films sowie im Arsenal.

HNA 28. 3. 1997

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