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Suche nach dem Punkt
Was haben eine mathematische Kurve und die Berechnung einer Bewegung auf ihr mit der zeitgenössischen Kunst und vor allem mit der documenta zu tun? Eigentlich nichts, wollte man nicht die höhere Mathematik zu einer Kunst erklären. Und doch gibt es Berührungspunkte, denn auf beiden Ebenen - in der Kunst und Mathematik - ist die Suche nach dem Punkt, von dem aus man seinen eigenen Standpunkt bestimmen und an dem man alles überblicken und verstehen kann, ein wichtiger Antrieb.
Genau dies zu versuchen, ist der Sinn der Berechnungen, die Prof. Dietmar Guderian anstellte und die als mathematisches Formelbild von Jan Hoet zum documenta-Plakmotiv erhoben wurden. Der Mathematiker Guderian meint, vereinfacht ausgedrückt: Befindet man sich auf einem Punkt einer Kurve, kann man nichts über deren Steigung oder Krümmung sagen, man hat also keine Orientierung. Bewegt man sich aber um ein kleines Stück auf der Kurve und nähert sich dem Ausgangspunkt wieder an, dann kann man mit Hilfe des zweiten Punktes Steigung und Krümmung berechnen. Das heißt: Erst die Entfernung vom Standort, das Heraustreten und Verschieben (displacernent), ermöglichen Orientierung und Erkenntnis.
In dieser Berechnungsweise, die Guderian bei einer Diskussion entwickelte, entdeckte Hoet eine verwandtschaftliche Denkungsart. Auch er glaubt, daß man im Umgang mit der Kunst das Displacement, die Entfernung vom gewohnten Punkt, brauche, um ihn genau zu erfassen und zu verstehen. Gleiches gilt für Hoet beim Erleben der documenta: Erst das Verlassen der gewohnten und vertrauten Positionen führt zum richtigen Verständnis.
In der Struktur der Ausstellungsordnung hat Hoet auch schon sehr frühzeitig den Punkt ausgemacht, an dem die Besucher seiner Meinung nach das Displacement für sich selbst nachvollziehen können: Das gläserne Treppenhaus der AOK am Friedrichsplatz ist für Hoet das Scharnier der Ausstellung. Wer hierher kommt, entfernt sich aus ihr. Im Treppenhaus wird man keine Kunst sehen, lediglich die Klanginstallation von Max Neuhaus hören. Die Augen bleiben also frei für die Landschaft und die anderen Ausstellungsorte: Aus der Distanz soll man neue Nähe gewinnen können. Das AOK- Gebäude ist folglich der zweite Punkt auf der Kurve.
Ob das Plakat mit den Formeln die Botschaft verbreitet? Eher wird es die documenta für die Nicht-Mathematiker verrätseln und mit seiner Ästhetik (Kreide auf Tafel) an Beuys erinnern. Aber auch das kann ja der Neugier dienen.
HNA 27. 1. 1992
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